LBV-Tagung „Vielfalt tut gut – urbane Biodiversität bewahren“

Die weltweite Entwicklung der Städte ist rasant. Gleichzeitig beobachten wir einen dramatischen Verlust an Artenvielfalt, für den die wichtigsten Ursachen Flächenverbrauch und Klimawandel sind. Gerade München zeichnet sich durch eine intensive Konkurrenz um Flächen aus. Wohnraum, Wirtschaftsraum und Naturraum werden gegeneinander ausgespielt, und wir sind es  gewohnt, Stadt und Natur als Gegensätze zu sehen. Städte sind ganz zentral als Verursacher von Artenverlusten anzusehen. Sie bieten deshalb aber auch Chancen, Dinge zum Besseren zu wenden. Es muss heute mehr denn je darum gehen, Stadt und Natur miteinander in Einklang zu bringen. Ansätze dazu wurden bei  unserer Tagung „Vielfalt tut gut – urbane Biodiversität bewahren“ aufgezeigt, die am 5. Oktober in München stattfand.

Die Referenten und Organisatoren (von links nach rechts): Dr. Sophia Engel (LBV München), Dr. Dana Berens (Universität Marburg), Dr. Heinz Sedlmeier (LBV München), Rieke Hansen (TU München), Prof. Dr. Thomas Gottschalk (Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg) und Dr. Reinhard Witt (Naturgartenplaner).

Vom Wert der Vielfalt – Dr. Dana Berens, Philipps-Universität Marburg

Insektenbestäubung ist eine wichtige Ökosystemdienstleistung. Foto: Sascha Rösner

Die biologische Vielfalt und ihr Wert für uns Menschen ist in den letzten Jahrzehnten immer häufiger Thema in den Medien. Der Begriff biologische Vielfalt umfasst dabei nicht nur den Artenreichtum, sondern auch die genetische Vielfalt, die Vielfalt von Populationen einer Art und die Vielfalt von Ökosystemen. Diese Vielfalt ist für uns Menschen von großer Bedeutung, das sie uns eine Reihe von Services zur Verfügung stellt, die so genannten Ökosystemdienstleistungen. Die Blütenbestäubung unserer Nutzpflanzen durch Insekten ist ein Beispiel für solche Dienstleistungen, genauso wie die Kohlenstoffspeicherung und Klimaregulation durch unsere Wälder. Der Wert, den diese Dienstleistungen für uns Menschen haben, ist messbar. So führt z.B. die Bestäubung von Erdbeerpflanzen durch Insekten zur Verdopplung des Ernteertrags im Vergleich zu selbstbestäubten Pflanzen. Gleichzeitig ist die biologische Vielfalt, und mit ihr die Ökosystemdienstleistungen für uns Menschen, durch verschiedene Faktoren bedroht. Klimawandel und Landnutzung sind dabei die wichtigsten Treiber für den Biodiversitätsrückgang. Der Klimawandel führt zu Veränderungen in der Jahresperiodik von Ereignissen, wie z.B. dem Blühbeginn von Pflanzen oder der Frühjahrsankunft von Zugvögeln. Zudem führt er zur Verschiebung von Verbreitungsgebieten von Arten. Auch menschliche Landnutzung verändert die Zusammensetzung von Artengemeinschaften und hat negative Auswirkungen auf die oben genannten Dienstleistungen. Trotz dieser düsteren Prognosen können wir den Erhalt der biologischen Vielfalt fördern, z.B. durch Extensivierungsmaßnahmen in der Landwirtschaft oder die Einrichtung von Biotopen. Mit Hilfe dieser Maßnahmen können wir die biologische Vielfalt selbst in stark vom Menschen geprägten Lebensräumen schützen.

Auswirkungen des Klimawandels auf Brutvögel in Deutschland - Prof. Dr. Thomas Gottschalk Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg

Auch häufige Brutvögel in Deutschland können vom Klimawandel betroffen sein.
Foto: Werner Borok

Die Gefährdung der Artenvielfalt durch den Klimawandel wird am Beispiel der Brutvögel in Deutschland greifbar. Globale Veränderungen des Klimas sind durch meteorologische Messungen seit 1880 gut nachgewiesen, und auch in München sind die Veränderungen spürbar. So nahmen zum Beispiel die heißen Sommertage pro Jahr seit Beginn der Messungen kontinuierlich zu, am deutlichsten seit den 1970er Jahren; die heißesten Sommer seit 1761 gab es in den letzten 60 Jahren. Solche Veränderungen haben Auswirkungen auf die Verbreitung und die Häufigkeit  von Arten, jedoch sind die Reaktionen auf den Klimawandel von Art zu Art sehr unterschiedlich. Nicht nur das Verbreitungsgebiet einer Art kann sich ändern (generell ist eine Verschiebung in höhere Lagen und nach Norden zu erwarten), auch Veränderungen der Ankunfts- und Wegzugzeiten von Zugvögeln und Verschiebungen der Zugwege sind mögliche Reaktionen. Insbesondere wenn sich die Frühjahrsphänologie und damit die Nahrungsverfügbarkeit im Jahresverlauf weiter nach vorne verlegt  als der Zeitpunkt des größten Nahrungsbedarfs bei der Jungenaufzucht von Vögeln, kann das großen Einfluss auf die Fortpflanzung von Vögeln haben kann, wie am Beispiel des Trauerschnäppers gezeigt wurde. Wärmeliebende Arten oder Standvogelarten können dagegen durchaus von den klimatischen Entwicklungen profitieren. Allerdings wurde in Modellrechnungen wurde gezeigt, dass sich die geografische Verbreitung häufiger Brutvögel Deutschlands für nur zwei Arten deutlich erweitern, jedoch für 12 Arten deutlich verringern wird. Für einige Arten wie der Buchfink ist zwar keine wesentliche Veränderung des Verbreitungsgebietes zu erwarten, doch ein deutlicher Populationsrückgang – in diesem Fall um 9 Millionen Brutpaare!
Trotz all dieser Effekte muss man sich vor Augen halten, dass der Einfluss des Klimawandels auf die Vogelwelt deutlich geringer ist als der von Landnutzungswandel! Der Landnutzungstyp, die Vielfältigkeit einer Landschaft und die Entfernung  zu bestimmten Landschaftselementen machen zusammen fast 80% der prognostizierten Veränderungen aus, Klimavariablen dagegen nur etwa 10%. Für einen effektiven Vogelschutz ist Flächenschutz also ganz essentiell.
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Berlins vernetzte, multifunktionale Grüne (Infra)Struktur - Rieke Hansen, TU München

Eine multifunktionale Grüne Infrastruktur berücksichtigt auch den Menschen als "Zielart". Foto: Rieke Hansen

Urbane Grünflächen spielen in vielfältiger Hinsicht eine große Rolle: Der Wert zur Naherholung, für Hobby und Freizeit ist unbestritten hoch, und zunehmend rückt auch die klimaregulierende Rolle von Straßengrün, von größeren Grünflächen und Grünzügen in den Blickpunkt. Zum Erhalt der Biodiversität kommen Biotopverbünde als wichtiges Element im Naturschutz ins Spiel, insbesondere weil sie Tieren und Pflanzen ein geografisches Ausweichen ermöglichen. Die vielfältigen sozialen, ökologischen und ökonomischen Funktionen knapper städtischer Freiflächen können aber auch zu Konflikten und Frustration führen, und es muss ständig um einen Kompromiss gerungen werden zwischen den Interessen des Naturschutzes und denen der Anwohnerschaft und Gesellschaft. Anhand mehrerer Beispiele aus wie Berlin wird aufgezeigt, wie man Grünflächen als eine essentielle „Grüne Infrastruktur“ in Wert setzen kann, die gleichberechtigt ist zu „grauen“ Infrastrukturen. Allerdings wurden auch die Grenzen der Machbarkeit deutlich. So kann eine Vernetzung und Erhöhung der ökologischen Wertigkeit bestehender Flächen nur bedingt einen Wegfall von Flächen durch Stadtwachstum ersetzen. Auch sind Konflikte zwischen unterschiedlichen Belangen und Funktionen, z.B. bei grünen Korridoren für Auto-freie Mobilität und Erholung und Grünverbindungen für störungsempfindliche Arten, nicht immer aufzulösen. Es sind daher keine Pauschallösungen möglich, sondern es bedarf immer einer Abwägung und Gewichtung von Zielen im Einzelfall. Hierbei spielen interbehördliche Kooperationen über Fachressorts hinweg eine ebenso wichtige Rolle wie die Einbeziehung der Naturschutzverbände oder auch anderer nichtstaatlicher Akteure wie Unternehmen und Wohnungsbaugesellschaften.
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Naturnahe Gärten als Beitrag zur urbanen Biodiversität – Dr. Reinhard Witt, Naturgartenplaner

Viele Insektenarten sind in ihrem Lebenszyklus auf ganz bestimmte Pflanzen angewiesen. Der Grüne Zipfelfalter legt seine Eier besonders gerne an Brombeeren ab. Foto: Monika Graf

Nicht nur öffentliches Grün, auch Privatgärten können einen Beitrag zur urbanen Biodiversität leisten, wenn sie als Naturgärten zu ökologisch wertvollen Biotopinseln werden. Das beste Rezept für hohe Artenvielfalt in Natur-Erlebnis-Gärten und -Räumen heißt: Lebensräume schaffen. Eine Vielfalt von Biotopen mit einer Vielfalt von Wildpflanzen garantiert reiches Tierleben. Da jeder Lebensraum hierbei neue Pflanzen und Nutzer anzieht, summieren sich die Artenzahlen schnell.  Auch auf einem nicht allzu großen Grundstück ist Platz für über hundert Wildpflanzenarten. Das neue Leitbild sollte daher heißen: Natur überall im Siedlungsraum. In Privatgärten, auf öffentlichen Grünflächen, auf Schulhöfen, Spielplätzen, zwischen Gewerbebauten und an Straßenrändern sollten vorrangig nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten mit heimischen Wildpflanzen gemacht werden. Denn viele Tiere, insbesondere Insektenarten, können sich nur entwickeln, wenn auch ihre spezifischen Nahrungs- und Wirtspflanzen vorhanden sind, und das sind in den allermeisten Fällen heimische Wildpflanzen. Mit Naturgärten und nachhaltigem öffentlichen Grün kann im ganzen Stadtgebiet ein dichtes Netz kleiner Biotopstrukturen entstehen, durch das Mensch und Natur profitieren.
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Praxisbeispiel: Das Biotop am Ackermannbogen - Nachmittagsexkursion

Zur Veranschaulichung des Gehörten besuchten die Teilnehmer unter Leitung von Dr. Sedlmeier und Katharina Spannraft bei herrlichem Sonnenschein das Biotop am Ackermannbogen. Neben den Pflanzen- und Tierarten im Biotop wurden auch die Geschichte des Gebiets, der Weg zum Schutz desselben und  die ganz speziellen Tücken eines Innenstadtbiotops thematisiert. Mit vielen Eindrücken und Informationen gingen die Teilnehmer nach einem intensiven Tag nach Hause.

Inmitten urbaner Bebauung konnte vom ehemals ausgedehnten Oberwiesenfeld ein kleiner Rest Heidefläche erhalten werden.