Mehlschwalbe (Delichon urbica)

Mehlschwalbe – Dr. A. Schulze

Mehlschwalben sind Kulturfolger, d.h. sie brüten in menschlichen Siedlungen aller Art, von landwirtschaftlichen Gehöften bis in die Stadtzentren. Doch in Städten sind Mehlschwalben heute nur noch selten anzutreffen, da sie durch Nahrungsmangel, fortschreitende Bebauung und Modernisierung zunehmend verdrängt werden. 

Mehlschwalben sind etwas kleiner als die ebenfalls bei uns heimischen Rauchschwalben; ihr Schwanz ist deutlich, aber schwach gegabelt. Ihr Gefieder schimmert auf der Oberseite metallisch blau, der Schwanz wirkt schwarz, Unterseite und Bürzel sind weiß. Charakteristisch sind die bis auf die Zehen dicht weiß befiederten Beine. 

Mehlschwalben sind wendige Flieger; häufig legen sie Gleitstrecken ein. Im Flug erreichen sie Geschwindigkeiten von ca. 40 km/h, bei Verfolgung bis zu 74 km/h. Sie jagen, trinken und baden im Flug.

Mehlschwalben ernähren sich von Fluginsekten wie Blattläusen, Fliegen, Mücken sowie Wasserinsekten. Sie jagen, auch in größerer Entfernung ihrer Kolonie, fast ausschließlich über offenen Flächen oder dicht über der Wasseroberfläche; manchmal schnappen sie auch im Rüttelflug oder im Sitzen Insekten von Mauern, Felswänden oder Bäumen.

Die Brutzeit ist von Mitte Mai bis Mitte September, in diesem Zeitraum finden zwei Bruten statt. Das Erstgelege besteht meist aus 4 bis 5 ovalen weißen Eiern, die mit zunehmender Bebrütung immer gefleckter werden;  die mit ca. 50 Tagen Abstand stattfindende zweite Brut ist etwas kleiner. Die Brutdauer beträgt 14 bis 16 Tage, nach weiteren 23 bis 30 Tagen fliegen die Jungschwalben zum ersten Mal aus. Dabei werden sie von ihren Eltern und anderen erwachsenen Vögeln begleitet und abends wieder ins Nest zurückgeführt. Die Jungen werden noch längere Zeit außerhalb des Nestes von den Eltern gefüttert; die Futterübergabe erfolgt meist im Rüttelflug. Jungschwalben bleiben oft noch mehrere Wochen nach dem Ausfliegen in Nestnähe und lernen so die nähere Umgebung kennen.

Gemeinschaftliches Sammeln von Lehm – A. Limbrunner

Mehlschwalben haben „Gemeinschaftssinn“: Sie jagen und sammeln Nist- und Polstermaterial gemeinschaftlich, beim Ausfliegen der Jungen sowie bei der Abwehr von Feinden arbeitet die Mehlschwalbenkolonie zusammen. Beim so genannten „Hassen“ führen sie in Gruppen Scheinangriffe auf Luftfeinde (Greifvögel) aus und verteidigen so ihre Kolonie. Vögel ohne eigene Brut helfen anderen bei der Aufzucht der Nestlinge, oft helfen auch die Jungvögel der ersten Brut bei der Aufzucht des zweiten Geleges.

Mehlschwalben sind Langstreckenzieher, die in großer Zahl den Winter im südlichen Afrika verbringen. Manche Individuen überwintern näher am Brutgebiet, z. B. in Marokko, Algerien, Tunesien oder auf Malta. Bei uns sind sie von Mitte April bis etwa Mitte September. Vor Zugbeginn sammeln sich Mehlschwalben, oft zusammen mit Rauchschwalben, auf Leitungen.

Nistplatz

Mehlschwalben bauen ihr Nest an raue Außenmauern von Gebäuden, unter Dach- und anderen Vorsprüngen. Gelegentlich finden sich auch Nester unter Brücken. Da Mehlschwalben in Kolonien brüten, sind mehrere Nester an einem Gebäude üblich. Obwohl die Nester dicht aneinander gebaut werden, reagieren Brutpaare in der nächsten Umgebung des Einfluglochs und am Nest auch aggressiv gegenüber ihren Artgenossen. 

Die bis auf das Einflugloch geschlossenen Nester bestehen aus Ton, Lehm oder Schlamm von Pfützen, Baugruben oder feuchten Ufern; die Form ist je nach Untergrund variabel, meist jedoch eine Viertel- oder Achtelkugel mit kleinem Einschlupfloch oben. Die Nestmulde im Inneren wird mit Moos, Federn, Halmen oder Wurzeln ausgepolstert. Alte Nester werden immer wieder benutzt und ausgebessert, der Bau neuer Nester findet bevorzugt an Stellen mit Spuren alter Nester statt.

Mehlschwalben sind sehr ortstreu: einmal gegründete Kolonien werden sehr lange genutzt, in manchen Fällen 60 bis 80 Jahre.

Gefährdung

In den Städten sind Mehlschwalben sehr selten geworden, teilweise sogar völlig verschwunden. Hauptgrund hierfür sind Nahrungs- und Nestbaumaterialmangel. Doch auch die fortschreitende Modernisierung macht den Mehlschwalben zu schaffen: Die Fassaden von Neubauten - häufig Zweckbauten aus Stahl und Glas - sind zu glatt, die Nester halten nicht, oft fehlt der schützende Dachüberstand. Größere Populationen von Mehlschwalben findet man in München nur noch in der Nähe von Reit- oder Viehställen oder am Stadtrand. 

Im Landkreis reduziert die zunehmende Flächenbebauung den Lebensraum der Mehlschwalben: Auf versiegelten Flächen können sich keine Insekten entwickeln, Baumaterial für die Nester fehlt und offene, zur Jagd geeignete Flächen schwinden. Nach Umbau und Modernisierung alter Gebäude und Höfe sind die Fassaden oft ungeeignet für Mehlschwalbennester oder die Vögel werden vergrämt. 

Oft weichen Schwalben auf Neubaugebiete aus, da sie dort in Baugruben ausreichend Nistmaterial finden. Auch hier droht ihnen Vergrämung, die Brut wird verwehrt, manchmal auch die Nester rechtswidrig entfernt - aus Angst vor Fassadenschäden und Kotverschmutzungen unter den Nestern.

Schutz und Hilfe

Schutzstatus:    besonders geschützt gem. BNatSchG Rote Liste III  Vogel des Jahres 1974

 
Schutz- und Hilfsmaßnahmen für Mehlschwalben:

1. Nester nicht entfernen, sie stehen unter Schutz und werden wieder verwendet!

2. Abbrechen der Nester und Mangel an Baumaterial kann durch Bereitstellen von feuchtem Lehm verhindert werden. Ungebrannte Lehmziegel gibt es im Fachhandel bei Ziegeleien. Auch künstliche Nisthilfen werden als Ersatz für entfernte Nester angenommen. Sie sind im Fachhandel erhältlich.

Lehmziegel befeuchten und zerkleinern; während der Brutzeit feucht halten
handelsübliche Mehlschwalben-Nisthilfe

3. Stört der herunterfallende Kot, kann ca. 60 cm unter dem Nest ein Kotbrett angebracht werden. Dieses sollte etwa 25 cm tief sein und an den Seiten 10-20 cm über den Nestrand herausragen.

4. Bei Umbaumaßnahmen an einem Mehlschwalbenquartier: Bauzeit außerhalb der Brutzeit legen


Wer ein Quartier für Mehlschwalben schaffen möchte, sollte dabei beachten: 

Bevorzugte Gebäude Gebäude unterschiedlicher Höhe
Lage am Gebäude unter Dachüberstand, Balkonen, an Dachsparren 
Quartierstyp Nest
Platzbedarf bxhxt (cm) 15x15x15
Einflugöffnung (mm) Kugelnest, Öffnung oben 40x20 mm
Besondere Bedingungen Koloniebrüter
weitere Maßnahmen Kotbrett empfehlenswert

 

Besonders vorteilhaft sind ein naturnahes Umfeld und die Nähe zu extensiv bewirtschafteten, insektenreichen Grünflächen sowie Gewässern als Jagdgebiet.

 

Sie wünschen Beratung?

Landesbund für Vogelschutz
Projekt Artenschutz an Gebäuden

Klenzestr. 37
80469 München

Tel.: 089 20 02 70-83
Opens window for sending emailsylvia.weber(at)lbv.de