Da wächst was!

Bei der Ernte gibt es immer schöne Entdeckungen (L. Ewers)

Was wächst, und wo wächst es? Zum einen gedeiht es prächtig in den Hoch- und Hügelbeeten des LBV-Naturparadieses an der Stäblistraße, zum anderen aber wächst auch die 17-köpfige Gruppe der Jugendlichen immer enger zusammen, die Teil eines interkulturellen Gartenprojektes sind.

 

„Ein Sommer im Garten mit jungen Flüchtlingen und einheimischen Jugendlichen“ – so der Untertitel des Projektes. Die Gruppe setzt sich zusammen aus minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen der SchlaU-Schule, Jugendlichen des Thomas-Mann-Gymnasiums in Forstenried sowie jungen Erwachsenen, die einem Projekt-Aufruf auf Facebook gefolgt sind.
Im April fand das erste der wöchentlichen Treffen statt. Es ging darum, was sie eigentlich gerne machen möchten auf der LBV-Fläche. Vorgegeben war lediglich der Rahmen: einen Nachmittag in der Woche außer in den Schulferien konnten sie dazu nutzen, den Acker in der Stäblistraße zu verschönern und zu gestalten. Es war ihr Glück, dass die 3.000 m2 große Fläche der LBV-NAJU erst seit einem halben Jahr zur Verfügung stand – so gab es eine Grundgestaltung der Fläche und einen Bauwagen mit den wichtigsten Gerätschaften, aber dennoch einen riesigen Gestaltungsspielraum für die Gruppe. Ein Brainstorming förderte ein buntes Sammelsurium an Ideen zu Tage: von einem Minigolfplatz, einem aufgeschütteten Strand, dem Anbringen von Hängematten, dem Anlegen von Beeten, der Pflanzung eines Weihnachtsbaumes und dem Bemalen des Bauwagens konnten sich die Jugendlichen vieles vorstellen. Natürlich galt es, diese Ideen mit den Werten und Einstellungen des LBV in Einklang zu bringen. Und so einigte sich die Gruppe schnell darauf, Beete anzulegen und den Bauwagen zu verschönern.

 

Gesagt, getan. Ziel war es, so wenige Materialien wie möglich neu anzuschaffen, sondern wenn möglich der Idee des „Upcycling“ zu folgen, also alten Materialien neues Leben einzuhauchen. Von der nahegelegenen Baustelle am alten Isartalbahnhof konnte die Gruppe kostenlos ausrangierte Europaletten bekommen. Anschließend wurde gewerkelt, gesägt und gehämmert, um die Paletten für das Hochbeet vorzubereiten. Hammer und Akkuschrauber erfreuten sich besonders großer Beliebtheit – sowohl bei den Jungs, als auch bei den Mädels – hatten doch die meisten von ihnen diese Werkzeuge noch nie in Händen gehalten, geschweige denn bedient.
Es herrschte eine rege Betriebsamkeit an diesen Frühlingsnachmittagen, und die Jugendlichen legten eine bemerkenswerte Arbeitsteilung an den Tag: während die einen das Hochbeet zusammenzimmerten, schafften die anderen aus dem gegenüberliegenden Schrebergarten der LBV-Ehrenamtlerin Gabi Rogge Schnittgut auf die Fläche, mit dem das fertige Hochbeet anschließend befüllt wurde. Alle fanden ihren Platz, ohne dass dies groß ausdiskutiert werden musste, alle packten mit an.

So war innerhalb von nur zwei Nachmittagen das Hochbeet gebaut, befüllt und sogar bepflanzt worden.

Die folgenden Wochen sollten dazu dienen, den Samen beim Sprießen und den Pflanzen beim Wachsen zuzuschauen und die Fortschritte zu diskutieren. Doch es gab einen herben Rückschlag: Natürlich hatte die Gruppe mit geringen Verlusten z.B. durch Insekten gerechnet – nicht jedoch damit, dass sich Massen an Nacktschnecken allabendlich zur Dämmerung auf den Weg ins Hochbeet machten, um sich über das frische Grün herzumachen. Die Gruppe schien mit ihrer Gemüseauswahl genau den Geschmack der hungrigen Mäuler getroffen zu haben: zurück blieben – wenn überhaupt – abgefressene Pflanzenstiele und weiße Schleimspuren. Die Täter konnten also zweifelsfrei identifiziert werden. Was nun? Natürlich ist die Gruppe tierlieb – aber so weit reichte ihre Liebe nicht, als dass sie das Gemüse allein den Kriechtieren zum Verzehr überlassen wollten. Zur Chemiekeule greifen war natürlich keine Option, also wurde kurzerhand mechanisch Abhilfe geschaffen in Form eines Schneckenzauns. Dieser funktionierte einwandfrei, sodass die Jugendlichen schon nach kurzer Zeit die neu gesäten Radieschen selber ernten konnten. Auch der Pflücksalat wurde mehrfach abgeerntet und zu köstlichen Salaten verarbeitet, die noch an Ort und Stelle verzehrt wurden.

Die Buschbohnen und die Kartoffeln, die ebenfalls stark von den Schnecken in Mitleiden-schaft gezogen wurden, zeigten enorme Selbstheilungskräfte und entwickelten sich zu stattlichen Pflanzen. Außerdem ernteten die Jugendlichen Erdbeeren, Kohlrabi, Mini-Schlangengurken, Lauch, Kürbisse und Cantaloup-Melonen sowie Unmengen an Tomaten.

 

Während all diese Pflanzen den Sommer über die Energie der Sonne in ihr Wachstum investierten, nutzte die Gruppe die Gelegenheit, den orangenen Bauwagen aufzuhübschen. Statt ein Gesamtkonzept für die Gestaltung zu entwickeln, konnten sie den Bauwagen mit Motiven bemalen, die sie mit dem Thema „mein Traumgarten“ – angelehnt an das Motto der LBV-Fläche – verbanden. So konnten sie sich auf ihre eigene Art verewigen, und es entstand ein ansehnliches Gesamtkunstwerk.

 

Warum die Gruppe alte Paletten statt neuer Holzlatten aus dem Baumarkt und beim Anbau der Pflanzen weder Pflanzenschutzmittel noch Kunstdünger verwendeten, sondern vielmehr auf natürlichen Kompost und torffreie Pflanzenerde setzte, warum sie den Schnecken nicht mit Gift nachstellte, und warum sie den Bauwagen mit umweltfreundlichen Farben bemalte, all das hat sie in diesem Projekt gelernt und diese Form des ökologischen Anbaus als eine gute Alternative der Selbstversorgung kennengelernt.

 

Parallel zum Werkeln, Gärtnern und Malern fand ganz nebenbei ein persönlicher Austausch zwischen den Jugendlichen statt, von denen sich die meisten vorher nicht kannten. Sie haben Einblicke gewonnen in die Welt der anderen, in ihre Interessen und ihren Lebensalltag. In der Regel gibt es keine Berührungspunkte zwischen dem Alltag junger Flüchtlinge und einheimischer Jungendlicher. In diesem Projekt wurde ganz ungezwungen Raum dafür geschaffen, und er wurde dankbar von den Jugendlichen angenommen.

 

Derzeit befindet sich das Gartenprojekt, das vom Jugendamt der Stadt München gefördert wurde und im Rahmen der Berufsbegleitenden Weiterbildung Umweltbildung/BNE als Praxisprojekt von den angehenden Umweltpädagogen Thomas Rath und Ludgera Ewers geleitet wird, in den Endzügen der Gartensaison. Nun geht es darum, die Ernte einzufahren, diese gemeinsam zu köstlichen Gerichten zu verarbeiten und die Beete winterfest zu machen. Und darum, mit allen zusammen in der Gruppe Pläne für den Winter und für’s nächste Jahr zu machen.