Schmetterlinge im August

Wie ein Kolibri steht das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) im Schwirrflug vor der Blüte und saugt mit seinem langen Rüssel Nektar – wirklich ein erstaunlicher Anblick. Das erste Foto zeigt einen Anflug auf eine Blüte: der Falter fängt gerade an den Rüssel auszurollen. Dieser lange Rüssel ist ein Merkmal der Schwärmerarten. Als Charles Darwin 1862 in Madagaskar eine Orchidee mit dünnen, bis zu 30 cm langen Kelchen sah, sagte er voraus, dass es ein Insekt mit entsprechend langem Rüssel geben müsse. Erst 40 Jahre später wurde dieser Bestäuber gefunden: der Schwärmer Xanthopan morgani praedicta (praedicta = die "Vorhergesagte").

Das Taubenschwänzchen ist ein hektischer Flieger, den man nur selten in Ruhe beobachten kann. Er gehört zu den Wanderfaltern und kommt jedes Jahr aus dem Süden zu uns. Inzwischen überwintert das Taubenschwänzchen auch in klimatisch begünstigten Gebieten Deutschlands als Falter; den milden Winter 2006/07 konnte es auch in Oberbayern überstehen.

Am 3. Juli wurde eine Eiablage an Labkraut in der Langwieder Heide/München beobachtet. Das Ei war knapp 1 mm groß und wurde zu Hause weiter gezüchtet. Die Raupe fraß anfangs vor allem Labkrautblüten, mit zunehmendem Hunger später auch Blätter dieser Pflanze. Am 26. Juli fing die Raupe an, sich einen Kokon zu bauen. Sie verpuppte sich; am 21. August schlüpfte der Falter. Auch viele andere Nachtfalterarten fertigen Kokons an, in denen dann die Verpuppung stattfindet. Bei einigen Arten ist der Kokon fest und undurchsichtig, bei anderen, wie dem Taubenschwänzchen, ähnelt er mehr einem Tarnzelt.

Taubenschwänzchen im Anflug
… im Schwirrflug
Ei
Raupe, 22. Juli 2007
Kokon, 26. Juli 2007
Puppe, 28. Juli 2007
Puppe, 17. August 2007
frisch geschlüpftes Taubenschwänzchen, 21. August 2007
 

Die Raupe einer anderen Schwärmerart wurde bei einer Biotoppflegeaktion am 18.August im Virginiadepot gefunden: die Raupe des Kleinen Weinschwärmers (Deilephila porcellus). Diese Raupe hat vorne auffällige „Augen“, mit denen Feinde abgeschreckt werden sollen. Das für Schwärmer typische Horn am hinteren Teil der Raupe ist beim Kleinen Weinschwärmer nur ansatzweise vorhanden. Als Falter bekommt man diese Art nur selten zu Gesicht, was teils auch daran liegt, dass er, im Gegensatz zum tagaktiven Taubenschwänzchen, nur nachts unterwegs ist. In den Beobachtungen im Juni 2007 kann man ein Foto des Falters sehen. 

Bei dieser Biotoppflege wurden außerdem Kleespinner (Lasiocampa trifolii), Distelfalter (Vanessa cardui), Hufeisenklee-Gelbling (Colias alfacariensis), C-Falter (Polygonia c-album), Himmelblauer Bläuling (Polyommatus bellargus), Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus), Ochsenauge (Maniola jurtina), Rotrandbär (Diacrisia sannio) und Braunbinden-Wellenstriemenspanner (Scotopteryx chenopodiata) gesehen. Selbst ein Nierenfleck (Thecla betulae), den man als Falter nur äußerst selten zu Gesicht bekommt, ließ sich kurz blicken. Die Eier dieses Falters sind dagegen leicht zu finden (siehe Beobachtungen Januar 2007). Biotoppflege hilft also nicht nur der Natur, sondern häufig sieht man dabei auch Interessantes. Wer mal mitmachen will, findet die aktuellen Termine hier.

Raupe des Kleinen Weinschwärmers
Kleespinner
Ochsenauge
Kleines Wiesenvögelchen

Im August wird das Angebot an Blüten und Nektar schon weniger, und es sind auch weniger Schmetterlinge zu sehen. Gut besucht sind noch Waldränder mit blühendem Wasserdost und Kalkmagerrasen wie das oben erwähnte Virginiadepot oder die Fröttmaninger Heide. Dort wurde am 14. August der Komma-Dickkopffalter (Hesperia comma) beobachtet. Diese Art ist im Alpengebiet noch verbreitet, in der Münchner Schotterebene hingegen auf die Gegend der Fröttmaninger Heide beschränkt. Dort flogen auch zahlreiche Bläulinge: Hauhechel-Bläuling, Himmelblauer Bläuling und Idas-Bläuling wurden schon in den Beobachtungen im Mai 2007 gezeigt und flogen jetzt in einer zweiten Generation. Neu hinzugekommen ist der Silberbläuling (Polyommatus coridon), der jedes Jahr nur eine Generation hervorbringt und von Juli bis September zu beobachten ist. 

Die Rostbinde (Hipparchia semele) ist in Oberbayern unmittelbar vom Aussterben bedroht! Sie kommt nur noch in der südlichen Frankenjura sowie auf der Fröttmaninger Heide vor. Dort ist sie durch Aufforstungsmaßnahmen der Bundesforstverwaltung, Aufgabe der militärischen Nutzung, Überbauungen durch Wohngebiete und Erschließungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der neuen Arena unmittelbar vor dem Erlöschen. Am 14.August 2007 wurde sie noch einmal gesehen.

Auch die Gammaeule (Autographa gamma) hatte sich im August auf der Fröttmaninger Heide eingefunden. Sie gehört zu den Wanderfaltern, die alljährlich aus Nordafrika oder Südeuropa zu uns einfliegen, sich dann bei uns vermehren und zunehmend auch bei uns überwintern können.

Komma-Dickkopffalter, Fröttmaninger Heide
Silberbläuling Unterseite
Silberbläuling Oberseite
Gammaeule, Fröttmaninger Heide
Rostbinde, Fröttmaninger Heide
 

Zum Schluss noch ein paar Fotos aus einer Zucht. Der Rotrandbär (Diacrisia sannio) kommt in verschiedenen Biotopen vor: Feuchtwiesen, Magerwiesen oder auch Streuobstwiesen. Aber sowie die Biotope intensiv genutzt und gedüngt werden, verschwindet er und wird deshalb immer seltener. Bei der Führung am 9. Juni im Gleisdreieck am Westkreuz wurde ein Weibchen in eine Becherlupe gesetzt, um sie allen Teilnehmern zu zeigen. Innerhalb einer halben Stunde legte sie in dem Gefäß ca. 40 Eier ab. Ein Teil dieser Eier wurde in der Wohnung weiter gezüchtet, andere Eier auf einem Balkon. Schon am 16. Juni schlüpften im Zimmer die ersten Raupen, das Foto zeigt sie am 10. Juli. Deutlich ist zu sehen, dass die Raupen sich ganz unterschiedlich schnell entwickelten. 

Die auf dem Balkon gehaltenen Raupen waren etwas langsamer in der Entwicklung. Aber auch hier wuchsen die Raupen unterschiedlich schnell. Die kleineren Raupen hörten im August auf zu fressen und begannen wohl ihre Winterpause. Die größeren Raupen fraßen weiter und verpuppten sich; aus diesen Puppen waren bis 21. August alle Falter geschlüpft.

Rotrandbär, Raupen, 10. Juli 2007
Leere Puppenhülle
Weibchen, 21. August 2007
Männchen, 21. August 2007

Nicht nur in der Zucht kommt es vor, dass sich Raupen unterschiedlich schnell entwickeln. Dieses Verhalten erhöht die Überlebenschancen einer Art bei ungünstiger Witterung. In der wärmebegünstigten Oberrheinebene bildet der Rotrandbär 2 fast gleich starke Generationen aus: die erste fliegt von Mitte Mai bis Mitte Juni, die zweite von Mitte Juli bis Mitte August. In kühleren Gegenden wie dem Schwarzwald gibt es nur eine Generation, in anderen Gegenden ist die Mai/Juni-Generation individuenreicher als die zweite Generation, da die Raupen der zweiten Generation nur zum Teil noch im gleichen Jahr schlüpfen, zum Teil aber überwintern (Ebert, Die Schmetterlinge Baden-Württembergs, Band 5). Auch in der Münchner Gegend wurde 2007 eine zweite Generation von Rotrandbären gesichtet, z.B. im Virginiadepot.

Auf dem Foto der Puppenhülle sieht man links alte Raupenhaut. Die Verpuppung ist auch eine Häutung, bei der das letzte Raupenhemd abgestreift wird. Darunter hat sich schon die Puppenhülle gebildet.

Diese Beobachtungen sind natürlich nur eine kleine Auswahl, mehr kann man finden unter
www.tagschmetterlinge.de/html -> tagebuch


Annette von Scholley-Pfab
Fotos: Mitglieder des AK Schmetterlinge