Presselmitteilung: Die Saatkrähe – Hitchcocks letztes Opfer  9.6.2009
- Informationen zur Biologie und Häufigkeit der Tiere anlässlich der Bürgerbeschwerden in Ottobrunn -

Mit dem starken Siedlungswachstum, das der Großraum München in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, wurden auch eine ganze Reihe Wildtiere „eingemeindet“. Nicht immer läuft in dieser neuen „Wohngemeinschaft“ von Mensch und Tier alles zufriedenstellend.

Vor allem unsere beiden Krähenarten, die Saat- und die Rabenkrähe, sind wegen ihrer lauten Stimme und einer Reihe von Ängsten, die über Mythen und den Hitchcock-Thriller „Die Vögel“ vermittelt wurden, nicht gern gesehen. Naturschützer bezeichnen deshalb die gefährdete Saatkrähe inzwischen bedauernd als „das letzte Opfer Hitchcocks“.

Aktuell hat sich in Ottobrunn sogar eine Bürgerinitiative gegründet, die ein Bürgerbegehren gegen eine Saatkrähenkolonie in ihrer Nachbarschaft durchführen möchte. Das Ziel des Bürgerbegehrens soll die Auflösung und Vertreibung der Kolonie sein. Das Presseecho über die Vögel war daraufhin nicht sehr differenziert, so dass ein falsches, sehr negatives Bild der Tiere in der Öffentlichkeit entstanden ist. Dieses Bild soll durch die Beantwortung der folgenden Fragen wieder gerade gerückt werden.

 

Welche Krähenarten gibt es in Stadt und Landkreis München?

Am häufigsten ist die Rabenkrähe, ein glänzend schwarzer Rabenvogel. Die Rabenkrähe brütet einzeln. Sie war früher ein reiner Waldvogel, brütet inzwischen aber auch in alten Bäumen in Parks oder Innenhöfen. Die Rabenkrähe ist ein Allesfresser.

Die Saatkrähe, die die Konflikte in Ottobrunn ausgelöst hat, unterscheidet sich von der Rabenkrähe durch einen unbefiederten, grauen Fleck am Schnabelansatz. Sie brütet in Kolonien. Die Saatkrähe ist ursprünglich ein Vogel der Feldflur, wo sie in kleinen Feldgehölzen gebrütet hat. Dort ist sie aber inzwischen durch intensive Verfolgung, vor allem zu Anfang des 20. Jahrhunderts, fast ausgerottet worden. Koloniebrüter reagieren auf Jagd besonders empfindlich. Inzwischen brütet die Saatkrähe deshalb fast nur noch im befriedeten Siedlungsbereich, wo sie nicht bejagt wird. Die Saatkrähe ernährt sich von Insektenlarven, Würmern und Sämereien. Im Winter kommen große Schwärme der Tiere aus Nordosteuropa zum Überwintern nach München.

 

Sind die beiden Krähenarten geschützt?

Die Saatkrähe unterliegt dem Naturschutzrecht und ist ganzjährig geschützt. Notwendig wurde der Schutz, weil die Bestände der Tiere stark zurückgegangen waren (1900 gab es noch über 10.000 Brutpaare in Bayern). Inzwischen steht die Saatkrähe auf der Roten Liste gefährdeter Tiere in Bayern. Der Bestand der Tiere erholt sich von seinem absoluten Tiefststand in den 1980iger Jahren jetzt langsam wieder. Auch im Raum München haben die Tiere in den letzten Jahren zugenommen.

Die Rabenkrähe wird in Bayern außerhalb der Brutzeit bejagt. Ebenfalls bejagt werden Elstern und Eichelhäher, die auch zu den Rabenvögeln gehören.

 

Wie laut sind Saatkrähenkolonien?

Der Kolonielärm beschränkt sich auf die Brutzeit von Nestbau bis zum Ausfliegen der Jungen. Das sind die Monate März-Mai. Eventuell sind die Tiere nach kalten Wintern auch in den ersten Juni-Tagen noch mit dem lautstarken Füttern der Jungen beschäftigt. Danach ziehen die Tiere ab und Ruhe kehrt ein. In allen warmen Sommernächten kann man also auch bei offenem Fenster schlafen.

Der Lärm ist nicht vergleichbar mit einer viel befahrenen Straße oder einem Rasenmäher. Eine normale Doppelglasscheibe hält den Lärm zuverlässig draußen.

 

Greifen die Krähen Menschen an?

Praktisch alle Vogelarten fliegen zur Brutzeit so genannte Scheinangriffe auf körperlich stark überlegene Feinde. Man kann Blaumeisen beobachten, die Eichhörnchen zu vertreiben versuchen oder Wacholderdrosseln, die sich mit Sperbern anlegen.

Scheinangriffe der beiden Krähenarten auf den Menschen sind sehr selten, da der Mensch (am Boden) nicht als Feind für das Krähennest (im hohen Baum) angesehen wird. Geraten aber flugunfähige Junge auf den Boden (Ende Mai/Anfang Juni) werden jedes Jahr beim LBV etwa 2-3 Scheinangriffe für den gesamten Großraum München gemeldet.

Der Scheinangriff ist darauf angelegt, den körperlich weit überlegenen potentiellen Feind des Kükens (Mensch) maximal zu erschrecken, um ihn damit vom Jungtier wegzutreiben. Das eigene Risiko muss der Vogel klein halten, deshalb riskiert er auch keine Berührung des größeren Feindes. Der Vogel fliegt deshalb meist von hinten unbemerkt an und saust dann so knapp wie möglich über den Kopf. Der Luftzug und das unerwartete Ereignis zeigen dann Wirkung. Der Mensch erschreckt sich.

 

Fressen die beiden Krähenarten die Jungvögel anderer Singvögel aus dem Nest?

Die Saatkrähe hat keine Jungvögel auf dem Speisezettel. Sie ernährt sich nur von Insektenlarven, Würmern und Sämereien.

Die Rabenkrähe frisst auch Jungvögel. Diese machen aber nur einen kleinen Teil ihres Nahrungsspektrums (etwa 5 %) aus.

 

Wie häufig sind die Tiere bei uns?

Die Saatkrähe ist ein seltener Brutvogel in Bayern. 2008 wurden insgesamt 5.000 Brutpaare der Saatkrähe in Bayern gezählt. 534 Brutpaare gab es in Stadt und Landkreis München - in insgesamt 20 Kolonien. Kolonien gibt es außer in Ottobrunn z. B. auch in Oberschleißheim, Feldkirchen, Garching und sogar mitten in München am Karl-Preis-Platz. Die ungeliebte Ottobrunner Kolonie ist die siebtgrößte Kolonie im Großraum München. Sie wies 2008 insgesamt 32 Brutpaare auf (Bereich Rosenheimer Landstr., Drosselstr. und Zeisigstr.)

Zum Vergleich: Der Brutbestand der Amsel in Bayern liegt zwischen 5 und 10 Millionen Paaren.

Die Rabenkrähe ist in Bayern überall häufig (50.000-100.000 Brutpaare). Nahezu in jeder Grünanlage in München brüten ein oder zwei Paare

 

Sollte man die Vögel nicht aus Ottobrunn vertreiben, damit sie sich im Wald ansiedeln?

Jedes Jahr werden in Bayern etwa 100.000 „Krähen“ abgeschossen. Zwischen der geschützten Saat- und der nicht geschützten Rabenkrähe wird dabei nicht differenziert, weil der Jäger beim Schrotschuss auf den fliegenden Vogel die beiden Arten meist nicht unterscheiden kann.

Die Saatkrähen versuchen deshalb möglichst der Jagd auszuweichen und in befriedeten Bereichen, d. h. im Siedlungsbereich, zu brüten. Werden sie dort vertrieben, passiert folgendes:

Die Kolonie spaltet sich in mehrere Teilkolonien auf und flüchtet sich noch weiter ins Siedlungszentrum. Der Konflikt mit dem Menschen spitzt sich dadurch nur weiter zu. Statt einer Lärmquelle hat man dann vielleicht fünf und dazu werden weitaus mehr Anwohner gestört.

Auflösen ließe sich der Konflikt nur dann, wenn in der Feldflur die Jagd auf Krähen dauerhaft eingestellt würde und die Tiere dort wieder sicher brüten könnten.

 

Wäre es ein Verlust, wenn unsere beiden Krähenarten aus unserer Landschaft verschwinden würden?

Die Rabenkrähe ist die Gesundheitspolizei unserer Landschaft: Tierkadaver und organische Abfälle werden von ihr gefressen. Krankheitserreger werden dabei durch ihre extrem aggressive Magensäure abgetötet.

Saatkrähen sind auf abgeernteten Äckern und gemähten Wiesen als natürlicher Schädlingsvertilger beliebt.

Verlassene Krähennester werden von seltenen Vogelarten wie dem Sperber oder dem Baumfalken „nachgenutzt“.

Auch als Verbreitungshilfe für viele Wildpflanzen, vor allem für Bäume und Sträucher, spielen alle unsere Rabenvogelarten eine große Rolle.

 

Der LBV lehnt die gewünschten Vergrämungsaktionen in Ottobrunn ab. Die Kolonie ist mit 30-40 Paaren nicht gerade groß – die Vogelart ist bedroht. Die Nester liegen in und an einem größren Grünbereich. Dort sind sie besser zu tolerieren, als wenn sie weiter Richtung des Zentrums von Ottobrunn abgedrängt werden und die Kolonie sich zersplittert.

 

- Ein Pressefoto der Saatkrähe findet sich im Anhang -

 

München, den 9.06.2009

V.i.S.d.P. und Ihr Ansprechpartner für weitere Informationen: Dr. Heinz Sedlmeier, Klenzestr. 37, 80469 München Tel.: 089/200270-71 Fax: 089/200270-88

Email: h-sedlmeier@lbv.de <mailto: h-sedlmeier@lbv.de>



Das Bild zeigt eine erwachsene Saatkrähe. Es darf im Zusammenhang mit dieser Pressemeldung kostenfrei abgedruckt werden.

 

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Bei Nichtbeachtung dieser Hinweise behält sich der LBV, zusammen mit dem Autor, rechtliche Schritte vor.