BürgerInfo: „Grün ist nicht gleich grün“
Flächenansprüche des Naturschutzes im Münchner Stadtgebiet

Die intensive Konkurrenz um die letzten Freiflächen im Münchner Stadtgebiet kennt man aus der Tagespolitik. Meist geht es dabei um die wirtschaftliche Verwertung von Grundstücken. Das in der mit innerstädtischem Grün unterversorgten Landeshauptstadt möglichst viele neue Grünflächen geschaffen und Flächenversiegelung vermieden werden sollte, bestreitet zwar in der Theorie fast niemand mehr. In der Praxis freilich schreitet die Zerstörung munter voran, und zwar keineswegs nur für angeblich vorrangige Wohnungsbauprojekte, sondern genauso für Gewerbegebiete, Sportstadien und Strassen. Beispiele hierfür aus den letzten Jahren sind der Bau des neuen Stadions sowie umfangreiche Wohnbebauung auf der Panzerwiese. Beide Projekte schädigen naturschutzfachlich wertvolle und nach deutschem bzw. europäischem Naturschutzrecht geschützte Biotope.

Interessant wird es aber noch einmal, wenn die Debatte über die Binsenweisheit „Grün ist besser als grau“ hinausgeht. Dann fängt eine Auseinandersetzung über die optimale Entwicklung der stadtnahen Freiflächen erst an, denn zwischen den Extremen „aspaltiert“ und „Urwald“ gibt eine Menge Varianten. In der Vergangenheit gewannen bei Planungen zum Thema „Grün“ sehr oft kleinräumige, gärtnerische Konzepte die Oberhand, die nicht einen gutkonzipierten Mix der Nutzungsansprüche einer modernen Stadtgesellschaft befriedigen, sondern einen „Ausbau“ von Grünzügen im Sinne einer standardisierten Gestaltung bedeuten. So werden dann diese golfplatzähnlichen Grünanlagen zwar tatsächlich von Teilen der Bevölkerung als Liegewiese oder Bolzplatz genutzt, scheiden dafür aber für alle anderen Nutzungsansprüche aus.


Ansprüche an Grünzugplanungen

Aus Sicht eines modernen Naturschutzes sollten freiflächenbezogene Konzepte aber  multifunktional ausgerichtet sein, also möglichst viele Ansprüche an stadtnahe Freiflächen befriedigen. Beispiele sind sportliche Freizeitaktivitäten, naturorientierte Erholung, Umweltbildung, Ressourcenschutz, ökologische Nahrungsmittelerzeugung und eben Arten- und Biotopschutz. Diese Aspekte gehen bei kleinräumigen Detailplanungen – zum Beispiel zum Grünzugausbau - oft unter oder können wegen des zu geringen Flächenumgriffes nicht berücksichtigt werden. Zu fordern sind daher Freiflächenentwicklungspläne, die unter Einbeziehung der Naturschutzverbände ausgearbeitet, breit diskutiert und schließlich von Bezirksausschüssen und Stadtrat beschlossen werden und bindende Wirkung für alle städtischen Planungen bekommen. Sie sollten für alle großräumigen Freiflächen im Stadtgebiet Entwicklungsziele vorgeben. Diese können anschließend im Rahmen des Ausbaus von Grünzügen, der Entwicklung des Grüngürtels, der Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen für naturzerstörende Eingriffe, aber auch durch gezielten Flächenerwerb, privatrechtliche Vereinbarungen (z.B. Extensivierung der Landwirtschaft, Wegebau, Biotopanlage) oder hoheitliche Akte (z.B. Schutzgebietsausweisungen) umgesetzt werden. Diese neue Form der Freiflächenentwicklung erfordert innovative Konzepte und neue Strukturen in der Verwaltung, nicht unbedingt große Geldmittel, da viele benötigte Planstellen und Grundstücke bei der Stadt bereits vorhanden sind.


Umsetzung

Insgesamt liegt die eher schwache Position des Naturschutzes bei städtischen Planungen aller Art weniger an fehlendem Geld bzw. Flächen, sondern an zersplitterten und wenig effektiven Strukturen in der Stadtverwaltung. So sind Kompetenzen und Zuständigkeiten auf diverse Referate mit jeweils mehreren Abteilungen verteilt.

Folgende Schritte sind zur Umsetzung grossflächiger und langfristig angelegter Naturschutzkonzepte in München erforderlich:

Ø   Erstellung und Beschluss von Freiflächenentwicklungsplänen für alle noch unbebauten Freiräume im Stadtgebiet. Die fachlichen Grundlagen liegen bereits weitgehend vor.

Ø    Aufbau einer schlagkräftigen und effektiven Naturschutzverwaltung durch Bündelung der bisher zersplitterten Kompetenzen und Zuständigkeiten für Naturschutz und Freiraumplanung (Referat für Umwelt und Gesundheit, Planungsreferat mit diversen Abteilungen, Baureferat Gartenbau, Kommunalreferat).

Ø    Aufbau eines effektiven Flächenmanagementes, in das alle  Grundstücke eingestellt werden, die für die Umsetzung der Freiflächenentwicklungspläne benötigt werden. Insbesondere stadteigene Grundstücke (Wälder, Grünanlagen, städtische Güter etc.) sowie Flächen für Ausgleichsmaßnahmen  sowie bereits naturschutzrechtlich geschützte Biotope stehen kurzfristig zur Verfügung. Weitere benötigte Flächen müssen dann offensiv gesichert werden, zum Beispiel privatrechtlich über Pacht- oder Gestattungsverträge sowie hoheitlich über Schutzgebietsausweisungen.

Ein Pilotprojekt könnte die Freiraumachse im Münchner Westen vom Lochholz über den Reichsautobahndamm bis zur Langwieder Heide einschließlich der Erholungsgebiete Lussee/Langwieder See sein, wo mit einem dichtem Mix aus wertvollen Biotopen, intensiv genutzten Erholungsflächen, Landwirtschaft und Wald (noch) gute Vorrausetzungen für eine qualifizierte Freiraumentwicklung vorliegen.

Claus Obermeier