Münchner Biotope: Das Virginia-Depot

 
 Verginiadepot


Parkplatz mit "Klonpappeln ohne Samen u. Blüten"

 
Einst gehörte es zum Heereszeugamt. Die Nationalsozialisten ließen dort Getreidespeicher errichten um Ihr Autarkieprogramm voranzutreiben. Deutschland sollte unabhängig von ausländischem Weizen werden. Nach dem 2. Weltkrieg breitete sich die amerikanische Besatzungsmacht dort aus (daher der Name). Der kalte Krieg erwärmte sich, die US-Truppen zogen wieder ab. Die Bundeswehr errichtete das größte „Sockendepot" Bayerns. Auch dieses ist vor kurzer Zeit ausgewandert. Das Depot verlor immer mehr seine kriegerische Bestimmung. Andere Bewohner zogen ein. Ein Heuschrecken- u. Drachenfeld entstand auf kargem steinigen Grund zwischen Bahngleisen und Rangierflächen.

Viele verschiedene Heuschrecken mit kurzen Fühlern (Caeliferen) und langen Fühlern (Enziferen) zogen ein. Oedipoda cerulescens – die blauflüglige Ödlandschrecke, keine Heuschrecke, die biblische Verheerungen hervorruft, sondern ein kleines Tier mit optimaler Tarnung auf steinigem Grund und himmelblauen Unterflügeln. Die gefleckte Keulenschrecke (Myrmeleotettix maculatus) weist die Ameisen mit Ihren keulenartig verdickten kurzen Fühlern zurecht, wenn sie allzu übermütig werden. Die Zauneidechse (Lucerta agilis) eine bayerische Reptilienart und zugleich ein Anzeiger für intakte Natur, schickt ihre Kinder an warmen Sommertagen auf Heuschrecken- und Fliegenjagd. Viele Dohlen haben sich hier nieder gelassen. Sperber und Turmfalke fliegen sorglos am Himmel und stürzen sich im waghalsigen Fluge auf ihre Beute. Zahlreiche einheimische Schmetterlinge, wie z.B. der Schachbrettfalter (Melanargia galathea) und sogar Urlauber aus Afrika, wie den Distelfalter (Vanessa cardui) trifft man dort. Die ästige Grünlilie zahlreiche Moose und Flechten und andere Kalkmagerrasenpflanzen leben einträchtig miteinander.

Zwei Strukturkonzepte der Stadt – das 1. aus dem Jahre 95 unter Federführung des Regierungsbaumeisters Dragomir und das neue Konzept vom Frühling 2002 haben das Stadtbiotop 64 als wertvolles unbedingt erhaltenswertes Stück Landschaft erkannt. Doch von anders orientierten Menschen entstanden handschriftliche Skizzen mit Gewerbe G2 (einfaches Gewerbe mit flachen Hallen und vielen breiten Straßen) und auch Begehrlichkeiten der Jünger des Turnvater Jahns geistern herum. Wer wird wohl gewinnen? Vielleicht die Verfechter eines Plans, in dem die Natur nur noch inmitten von Riesen-Parkplätzen, Tanklagern, Müllschreddern und anderen notwendigen Zivilisationseinrichtungen (die wir zwar brauchen, dort aber auch schon haben) als sterile Gründekoration existieren darf, oder doch das artenreiche lebendige Stückchen Erde, das sich hier gerade wieder entfalten will?

Angelika Mocciaro

Fotos: Angelika Mocciaro und Karin Groß-Beck

 

Blauflüglige    Ödlandschrecke

  

Zweifarbige Beißschrecke

 

Gefleckte   Keulenschrecke

  

Zauneidechse

  

Schachbrettfalter

  

Distelfalter

Zusammenfassung:
Lage:

Zwischen Eberwurzstr., Schleißheimerstr., Ebereschenstr. Detmolderstr. (Bundeswehrdepot). Seit Jahrzehnten von der Bundeswehr genutztes Gelände.
Charakter:
Niedertrassenschotterheide, extrem gefährdet. Besonders reich an seltenen Tier- und Pflanzenarten ist ein 15-30 m breiter Streifen um die beiden Geleise im Süden und Osten.
Flora:
Ästige Graslilie, Aufrechte Trespe, Edel-Gamander, Essig-Rose, Frühlings-Fingerkraut, Kleines Mädesüß, Land-Reitgras, Lavendel, Platthalm-Rispengras, Quirlblütiger Salbei, Rispige Flockenblume, Rostiger Schafschwingel, Sand-Thymian
Fauna:
Dohle, Turmfalke
Blauflügelige Ödlandschrecke (RL 2), Gefleckte Keulenschrecke (RL 4R), Bleifleck-Widderchen, Gemeines Blutströpfchen, Goldene Acht (RL 4R), Großes Ochsenauge, Himmelblauer Bläuling (RL 2), Kleiner-Heufalter, Schachbrett, Silberfleck-Bläuling (RL 3) (siehe auch Schmetterlings-Exkursion Virginia-Depot)
Schutzstatus:
Das Gebiet fällt unter den Schutz von Art. 13d BayNatSchG
Biotop M-64 in der Stadtbiotopkartierung 1981-84, als Naturschutzgebiet vorgeschlagen.

siehe auch Ausstellung: Das Heuschreckenfeld