Münchener Biotope - Außen2: Aubing, Niedermoorgebiet Nördliche Faulwiesen

Stadtbedeutsames Biotop
● Pflege- und Erhaltungszustand: Kritisch
● Schutzstatus: Nicht Ausreichend

Lage: Stadtbezirk Aubing – Lochhausen – Langwied: Nordwest-Grenze des Stadtgebietes, zwischen Gröbenbach und Faulwiesenbach, östlich und nördlich der Heinrothstraße
Schutzstatus nach Naturschutzrecht: Teilflächen nach Art. 13d(1), BayNatSchG geschützt; Teilflächen sind Geschützter Landschaftsbestandteil (LB)
Münchner Stadtbiotop-Nr.: 41, 41A, 42, 42A, 42B, 42F, 404, 405, 406 (entsprechen Teilen der Gesamtfläche)
ABSP-Nr.: 26, 30-33 (entsprechen Teilen der Gesamtfläche)
Flächennutzung nach Flächennutzungsplan: Landwirtschaftliche Flächen
Flächengröße: 17,9 ha

25.1 Geschichte, Geländebeschreibung, Vegetation: Die Niedermoorlandschaft zwischen dem Gröben- und dem Faulwiesenbach an der äußersten Nordwestgrenze Münchens ist kleinteilig und vielfältig strukturiert. Wirtschaftsgrünland unterschiedlicher Nutzungsintensität, seggen- und binsenreiche Feuchtwiesen, Feuchtgebüsche und entwässerte Moorwaldrelikte, Gräben und umzäunte Gartengrundstücke wechseln einander ab. Von Ost nach West verlaufende, von breiten Feuchtgebüschreihen gesäumte Gräben teilen das Gebiet in drei ungefähr rechteckige Offenlandbereiche. An den Gehölzrändern sind nitrophile Hochstaudenfluren im Wechsel mit Landröhrichten und Großseggenriedern ausgebildet. Die dort ehemals vorkommenden Streuwiesen sind durch Nutzungsintensivierung und Entwässerung schon vor über 30 Jahren bis auf einen winzigen Rest verschwunden.

Am Nordrand des Gebiets befindet sich jenseits eines zwei Meter breiten Wassergrabens ein lichter Moorbirkenwald auf Torfboden, der an einzelnen Stellen einen oberflächenahen Grundwasserspiegel aufweist. Die fast geschlossene Krautschicht des Wäldchens setzt sich vor allem aus Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), Himbeeren (Rubus idaeus) und Kratzbeeren (Rubus caesius) und einzelnen Nässezeigern zusammen. So dominieren im Ostteil des Wäldchens häufig Großseggen und es kommen auch noch einige Sibirische Schwertlilien (Iris sibirica) vor. In der Mitte des Birkenwäldchens ist der Weidenaufwuchs dichter, dort befinden sich auch mehrere Totholzlagerhaufen. Das Südufer des Gröbenbachs wird von einer 5-15 Meter breiten Hochstaudenflur eingenommen, die mit Rohrglanzgras-Landröhrichten und Sumpfseggenriedern abwechselt. Stellenweise erreichen Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) hier hohe Deckungsgrade. Am nordöstlichen Rand des Moorbirkenwäldchens blieb ein kaum mehr 50 m2 großes Relikt einer verfilzten Pfeifengraswiesen erhalten. Dort siedelt auf einer stark von Verbuschung bedrohten, kleinen Wiesenfläche ein Bestand der in München inzwischen sehr selten gewordenen Sibirischen Schwertlilie (Iris pseudacorus). Das hier noch vor 15 Jahren registrierte, in Bayern stark gefährdete, Preußische Laserkraut (Laserpitium prutenicum; Schwahn mdl.) wurde 2003 nicht mehr festgestellt.

Südseitig grenzt an den Birkenwaldstreifen ein Grauweiden-Gebüsch an, das eine Lichtung mit Schilfröhricht und nitrophile Staudenfluren aufweist. Benachbart liegen intensivierte Fettwiesen, aber auch artenreiche Feuchtwiesen. In flachen Flutmulden bzw. einem verlandeten Graben sind Dominanzbestände der Steifen, Schnabel- oder Wiesen-Segge (Carex elata, rostrata, nigra) ausgebildet.

Im Südteil, in Verlängerung der Heinrothstraße, nehmen seggen- und binsenreiche Feuchtwiesen ca. die Hälfte des gesamten Grünlands ein. Eine besondere Bedeutung für den Artenschutz kommt den flachen, weitgehend verlandeten Wiesengräben zu, weil dort die stadtbedeutsamen Arten Kleiner Baldrian (Valeriana dioica), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium) und Schwarzschopf-Segge (Carex appropinquata) vorkommen. Eine potentielle Gefährdung des für München außerordentlich hochwertigen Artenpotentials besteht durch die zu frühen Schnitttermine mancher Grünlandparzellen bereits ab Mitte Juni.



Letzter Bestand des Schmalblättrigen Wollgrases im Münchner Nordwesten

Der etwa drei Meter breite Faulwiesenbach, der die Ostgrenze des beschriebenen Gebietes bildet, wird von den weit überhängenden Ästen der am Ostufer stockenden Gehölze überschirmt. Trotz der Beschattung ist die Sohle vorwiegend mit einem Bachberlen-Kleinröhricht bewachsen und an der westlichen Uferböschung kommen noch verbreitet Feuchtwiesenpflanzen vor.

Vegetations- und Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)

Laubbaumbestände (Kronendach)

20

Acker

8

Nadelbaumbestände (Kronendach)

4

Flutrasen

1

Deckung der Strauchschicht

12

Binsen- und seggenreiche Nasswiese (durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

16

Gras- und Krautfluren nährstoffreicher Standorte

5

Mädesüß-Hochstaudenflur (durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

3

Altgrasbestand/Grünlandbrache

3

Großröhricht/Großseggenried (durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

3

Trittrasen und Trampelpfade

0,1

Kleinröhricht (durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

0,1

Artenreiches Extensivgrünland/Mager-wiese

18

Fließgewässer

0,5

Artenarme Fettwiese

18

Sonstige Flächenanteile

1

25.2 Artenzusammensetzung

Vorkommen gefährdeter Arten: Pflanzen: Schwarzschopf-Segge (Carex appropinquata), Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica); Libellen: Gebänderte Prachtlibelle (Calopteryx splendens); Heuschrecken: Große Goldschrecke (Chrysochraon dispar), Landschnecken: Gestreifte Windelschnecke (Vertigo substriata/letzter Nachweis 1986) / alle faunistischen Angaben aus ABSP, 2005

Gehölze: Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Schwarz-Erle (Alnus glutinosa), Moor-Birke (Betula pubescens), Hainbuche (Carpinus betulus), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Hasel (Corylus avellana), Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Gewöhnliches Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus), Esche (Fraxinus excelsior), Hopfen (Humulus lupulus), Liguster (Ligustrum vulgare), Fichte (Picea abies), Hybrid-Pappel (Populus sp.), Espe (Populus tremula), Trauben-Kirsche (Prunus padus), Brombeere (Rubus fruticosus agg.), Kratzbeere (Rubus caesius), Silber-Weide (Salix alba), Sal-Weide (Salix caprea), Grau-Weide (Salix cinerea), Purpur-Weide (Salix purpurea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Gewöhnlicher Schneeball (Viburnum opulus)

Gräser und Kräuter (*= sicher angesalbt): *Blauer Eisenhut (Aconitum napellus), Kriechender Günsel (Ajuga reptans), Knick-Fuchsschwanz (Alopecurus geniculatus), Gewöhnliches Ruchgras (Anthoxanthum odoratum), *Akelei (Aquilegia sp.), Bachberle (Berula erecta), Heil-Ziest (Betonica officinalis), Schlangen-Wiesenknöterich (Bistorta officinalis), Stein-Zwenke (Brachypodium rupestre), Zittergras (Briza media), Sumpf-Segge (Carex acutiformis), Zittergras-Segge (Carex brizoides), Zweizeilige Segge (Carex disticha), Steife Segge (Carex elata), Gelbe Segge (Carex flava), Braune Segge (Carex nigra), Hasenfuß-Segge (Carex ovalis), Hirse-Segge (Carex panicea), Schnabel-Segge (Carex rostrata), Herbst-Zeitlose (Colchicum autumnale), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Wilde Karde (Dipsacus fullonum), Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile), Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre), Einspelzige Sumpfbinse (Eleocharis uniglumis), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium), Wasserdost (Eupatorium cannabinum), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Sumpf-Labkraut (Galium palustre agg.), Moor-Labkraut (Galium uliginosum), Tüpfel-Labkraut (Galium verum), Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), Flutender Schwaden (Glyceria fluitans agg.), Flügel-Johanniskraut (Hypericum tetrapterum), Weiden-Alant (Inula salicina), Glieder-Binse (Juncus articulatus), Flatter-Binse (Juncus effusus), Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus), Sumpf-Hornklee (Lotus pedunculatus), Ross-Minze (Mentha longifolia), Blaues Pfeifengras (Molinia caerulea), Gewöhnliche Brunnenkresse (Nasturtium officinale), Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea), Schilf (Phragmites australis), Blutwurz (Potentilla erecta), Hohe Schlüsselblume (Primula elatior), Kleiner Klappertopf (Rhinanthus minor), Wasser-Ampfer (Rumex aquaticus), Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), Kuckucks-Lichtnelke (Silene flos-cuculi), Gras-Sternmiere (Stellaria graminea), Gewöhnlicher Beinwell (Symphytum officinale), Schweden-Klee (Trifolium hybridum), Kleiner Baldrian (Valeriana dioica), Arznei-Baldrian (Valeriana officinalis agg.)

Problempflanzen = Invasive Neophyten (0,5%-Deckungsanteil): Schlanke Karde (Dipsacus strigosus), Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum), Indisches Springkraut (Impatiens glandulifera), Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), Schneebeere (Symphoricarpus rivularis)

Fauna (ohne gefährdete Arten, s. o.): Brutvögel: Kuckuck (Cuculus canorus), Feldschwirl (Locustella naevia), Goldammer (Emberiza citrinella), Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) / insgesamt 27 Brutvogelarten /alle Angaben aus LBV, 2000; Tagfalter: Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus), Rostroter Dickkopffalter (Ochlodes venatus), Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus); Heuschrecken: Gewöhnlicher Grashüpfer (Chorthippus parallelus), Nachtigall-Grashüpfer (Chorthip-pus biguttulus), Roesels Beißschrecke (Metrioptera roeselii), Grünes Heupferd (Tettigonia viridissima)

Besondere Pflanzengesellschaften:

  • Gedüngte Feuchtwiesen (Calthion Tx. 37, durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

  • Pfeifengraswiese (Molinion caeruleae W. Koch 26, 13d)

  • Mädesüß- Hochstaudenflur (Filipendulion Seg. 66, durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

  • Großröhricht/Großseggenried (Phragmition/Magnocaricion W. Koch 26, durch Art. 13 d BayNatSchG geschützt)

  • Braunseggenried (Caricetum fuscae Br.-Bl. 15, 13d)/ fragmentarisch

Besondere Strukturen:

  • dichtes Feuchtgebüsch

  • Totholzlagerhaufen

  • hohes Blütenangebot

  • ephemere Gewässer / Flutmulden

25.3 Nutzungen und Konflikte

Nutzung/Pflege/Zustand

Konflikt

Begründung

Entwässerung / regelmäßige Räumung und Eintiefung der Vorflutgräben

stark

Fortschreitende Zersetzung des Niedermoortorfs. Eine naturschonende, nachhaltige Landbewirtschaftung wird dadurch verhindert.

Fehlende Pflege / Sukzession vor allem am Nordrand

stark

Fast vollständiger Verlust der gebietstypischen Pfeifengras-Streuwiesen; erhebliche Artenverarmung

Ablagerungen / Liegenlassen von Mähgut

stark

Erhebliche Nährstoffanreicherung und Ruderalisierung an Gehölzrändern und Innensäumen; in der Folge Ausbreitung von Nitrophytenfluren

Intensiv-Landwirtschaft auf einem Teil der Flächen

mäßig bis stark

Intensiv-Landwirtschaft stellt im Niedermoor keine nachhaltige und ökologisch verträgliche Nutzungsform dar. Es kommt zur Torfschrumpfung und zu Grundwasserbelastungen durch Düngung

Ausholzung / frühzeitige Mahd an Grabenrändern bereits Ende Mai

mäßig

Störung während der Vogel-Brutzeit; Beeinträchtigung der standorttypischen Lebensgemeinschaften

Jagdeinrichtung: Wildfütterung und Salzleckstein

gering

Bereich infolge Sukzession und Eutrophierung ohnehin schon stark entwertet

Imkerei

gering

Anpflanzung teils nicht gebietstypischer Stauden und Gehölze nahe der Grundstücksgrenzen

Extensiv-Landwirtschaft nach den Vorgaben des Vertragsnaturschutzprogramms

gering bis keiner

Erhaltung artenreicher Moorwiesen mit hoher Lebensraumbedeutung; Schnittzeitpunkte zu wenig flexibel entsprechend der Bestandsentwicklung



25.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge

  • Die Standorte des Feuchtgrünlandes in den Nördlichen Faulwiesen sind durch Düngergaben und Torfzersetzung nährstoffreich. Die Wiesen sollten deshalb, mit Ausnahme der Geländemulden und der besonders eutrophierten Standorte(s. u.), in den nächsten Jahren zweischürig, ohne Dünger, genutzt werden.

  • Nur einschürig im Spätsommer- oder Herbst sollten die Seggenbestände der dauerhaft feuchten Geländemulden gemäht werden Das Mähgut könnte als Heumulch der Begrünung bereits von Artenverarmung betroffener Standorte im gleichen Naturraum dienen.

  • In besonders eutrophierten Bereichen sollte eine Aushagerungsmahd (dreimal jährlich) versucht werden. Die dort abgelagerten organischen Abfälle (Mahdgut, verrottetes Stroh, Gehölzschnitt usw.) sollten ebenfalls entfernt werden.

  • Viele Arten der Niedermoore haben sich nur im Bereich der Wiesengräben erhalten. Diese Grabenbereiche sollten zur Schonung dieser Arten erst im Spätsommer gemäht werden.

  • Im Nordteil des Geländes, südlich des Gröbenbaches sollten der Neophytenaufwuchs, vor allem des Indischen Springkrautes und des Riesen-Bärenklaus eingedämmt werden.

  • Das ökologisch besonders wertvolle Relikt einer Pfeifengraswiese wurde vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) entbuscht und wieder in eine Streumahd übernommen. Diese Pflege sollte beibehalten werden.