Münchener Biotope - Außen2: Hinterbrühler See

Stadtteilbedeutsames Biotop
● Pflege- und Erhaltungszustand: Schlecht
● Schutzstatus: Ausreichend

Lage:  Stadtbezirk Thalkirchen – Obersendling – Forstenried – Fürstenried – Solln: Hinterbrühl zwischen Conwentzstraße und Isarkanal
Schutzstatus nach Naturschutzrecht: Landschaftsschutzgebiet, FFH-Gebiet
Münchner Stadtbiotop-Nr.: 299
ABSP-Nr.: 514
Flächennutzung nach Flächennutzungsplan: Wasserfläche, Allgemeine Grünfläche
Flächengröße: 4,4 ha

39.1 Geschichte, Geländebeschreibung, Vegetation: Der Hinterbrühler See entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Bau des Isarwerkkanals mit seinem abzweigenden Floßkanal. Bei den Bauarbeiten wurde ein Altwasser der Isar, das einen Wasserzufluss über die angrenzenden Hangquellen besaß, vom Fluss getrennt und im Südteil teilweise verfüllt. Außerdem wurde der entstehende Hinterbrühler See durch das Ausbaggern von Kies für die Kanaldämme vergrößert. Die Ufer wurden im Südwesten und Osten an die angrenzenden Kanäle angepasst und gerade oder mit gleichmäßigen Krümmungen ausgeformt.

Heute wird das Gewässer vom Isar-Werkskanal aus über ein kleines Betonrohr mit Isarwasser gespeist. Außerdem dürfte der Hinterbrühler See auch Grundwasseranschluss haben. Je ein mit Nagelfluhblöcken verbauter Abfluss befindet sich an der westseitigen Bucht und am schmalen Nordende. Der insgesamt eher naturfern gestaltete Hinterbrühler See wird ganzjährig als beliebtes Ausflugsziel aufgesucht, sowohl bei Eisbedeckung als auch an warmen Sommerwochenenden u. a. zum rudern.

Am West- bzw. Nordwestufer führt ein Spazierweg am Ufer entlang. Zwischen Weg und Ufer siedelt ein recht artenreicher Rasen mit Feuchte- und Verdichtungszeigern. Am Uferstreifen stehen einzelne Bäume, darunter eine markante Silber-Weide (Salix alba). Über einen Holzsteg ist eine ca. 7 m vom Ufer entfernte annähernd kreisrunde Insel mit relativ dichtem altem Baumbestand angebunden.



Trittbelastung: Am Ostufer des Hinterbrühler Sees liegen in stark von Besuchern frequentierten Bereichen bereits die Baumwurzeln frei


Deren Ufer sind rundherum mit Betonplatten verbaut, der Auelehmboden infolge hoher Trittbelastung und Wasser-vogel-Beweidung nahezu vegetationsfrei. Südwestlich der Insel befindet sich eine hölzerne Bootshütte, wo die zum Verleih bestimmten Ruderboote aufbewahrt werden, und dahinter ein kleiner Gastronomiebetrieb. Das Südwestufer ist mit einem schmalen, teils lückigen Gehölzstreifen bewachsen; an der Uferlinie ist fragmentarisch ein Schilfröhricht bzw. Großseggenried entwickelt. Auch dieser vergleichsweise naturnahe Uferabschnitt ist wie nahezu das gesamte Süd- und Ostufer mit Trampelpfaden bzw. Trittrasen durchzogen.

Am schmalen, gleichförmig gerundeten Südufer ist kleinflächig ein Knickfuchsschwanz-Flutrasen mit Binsen ausgebildet. Die südlichste Bucht ist durch einen quer auf der Wasserfläche liegenden, schwimmenden Baumstamm vom Bootsverkehr abgetrennt. In der Südhälfte des Sees ist ein ziemlich ausgedehnter Unterwasserrasen aus Kamm-Laichkraut (Potamogeton pectinatus) mit Beimischung der Kanadischen Wasserpest (Elodea canadensis) zu erkennen. Entlang des gesamten Ostufers führt in 1-5 m Entfernung von der Uferlinie ein 2-3 m breiter Trampelpfad. Im südlichen Abschnitt hat sich infolge fast vollständiger Abholzung der Ufergehölze vor mehreren Jahren eine Schlagflur aus Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), Waldrebe (Clematis vitalba) und Feuchtezeigern entwickelt. Direkt am Ufer sind stellenweise Sumpfseggenbestände (Carex acutiformis) angesiedelt.


Nur an wenigen Stellen des natur-fernen Ufers finden sich einige we-
nige Röhrichtpflanzen


Im Mittelteil überwiegen beiderseits des Trampelpfads magere Grasfluren, welche vereinzelt Pflanzenarten von Flussbrennen wie z.B. das in München seltene Bunte Reitgras (Calama-
grostis varia) enthalten. Auch hier führen einige Trampelpfade in geringen Abständen zueinander direkt ans Ufer. Nördlich eines blütenreichen, abgeweideten Blumenrasens weitet sich der Trampelpfad mit einem Belag aus frei erodierten Baum-wurzeln fast bis zur Uferlinie auf. Fragmente eines trittgeprägten Rasens mit Feuchtezeigern und der Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea) beschränken sich auf einen stellenweise kaum mehr als einen Meter breiten Streifen.

Vegetations- und Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)

Laubbaumbestände (Kronendach)

7

Artenreiches Extensivgrünland/ trittgeprägter Blumenrasen

0,5

Nadelbaumbestände

0,5

Scherrasen

1

Deckung der Strauchschicht

3

Großröhricht/Großseggenried (Art. 13 d BayNatSchG)

0,5

Altgrasbestand/Grünlandbrache

1

Unterwasservegetation

25

Trittrasen und Trampelpfade

3

Stillgewässer (offene Wasserfläche)

60

Flutrasen

0,3

 

 

39.2 Artenzusammensetzung

Vorkommen gefährdeter Arten: Pflanzen: Kornelkirsche (Cornus mas), Eibe (Taxus baccata), Libellen: Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo)

Gehölze: Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Moor-Birke (Betulus pubescens), Hainbuche (Carpinus betulus), Waldrebe (Clematis vitalba), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Hasel (Corylus avellana), Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Buche (Fagus sylvatica), Esche (Fraxinus excelsior), Efeu (Hedera helix), Europäische Lärche (Larix decidua), Liguster (Ligustrum vulgare), Rote Heckenkirsche (Lonicera xylosteum), Fichte (Picea abies), Silber-Pappel (Populus alba), Vogel-Kirsche (Prunus avium), Trauben-Kirsche (Prunus padus), Stiel-Eiche (Quercus robur), Gelbe Rose (Rosa foetida), Zimt-Rose (Rosa majalis), Kratzbeere (Rubus caesius), Silber-Weide (Salix alba), Purpur-Weide (Salix purpurea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Berg-Ulme (Ulmus glabra), Wolliger Schneeball (Viburnum lantana)

Gräser und Kräuter: Gewöhnlicher Frauenmantel (Alchemilla vulgaris agg.), Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata), Knick-Fuchsschwanz (Alopecurus geniculatus), Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris), Süßholz-Tragant (Astragalus glycyphyllos), Stein-Zwenke (Brachypodium rupestre), Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), Mittleres Zittergras (Briza media), Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Buntes Reitgras (Calamagrostis varia), Sumpf-Segge (Carex acutiformis), Weiße Segge (Carex alba), Steife Segge (Carex elata), Blaugrüne Segge (Carex flacca), Raue Segge (Carex hirta), Vogelfuß-Segge (Carex ornithopoda), Hirsen-Segge (Carex panicea), Wald-Segge (Carex sylvatica), Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea), Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa), Kohl-Kratzdistel (Cirsium oleraceum), Maiglöckchen (Convallaria majalis), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine), Wasserdost (Eupatorium cannabinum), Schaf-Schwingel (Festuca ovina agg.), Gewöhnliches Habichtskraut (Hieracium lachenalii), Kleinblütiges Springkraut (Impatiens parviflora), Glieder-Binse (Juncus articulatus), Blaugrüne Binse (Juncus inflexus), Zarte Binse (Juncus tenuis), Berg-Goldnessel (Lamium montanum), Rauer Löwenzahn (Leontodon hispidus), Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Hornklee (Lotus corniculatus), Ufer-Wolfstrapp (Lycopus europaeus), Pfennigkraut (Lysimachia nummularia), Gewöhnlicher Gilbweiderich (Lysimachia vulgaris), Weg-Malve (Malva neglecta), Nickendes Perlgras (Melica nutans), Weißer Steinklee (Melilotus albus), Gewöhnlicher Steinklee (Melilotus officinalis), Wasser-Minze (Mentha aquatica), Ross-Minze (Mentha longifolia), Vierblättrige Einbeere (Paris quadrifolia), Schilf (Phragmites australis), Große Bibernelle (Pimpinella major), Hain-Rispengras (Poa nemoralis), Kamm-Laichkraut (Potamogeton pectinatus), Waldsimse (Scirpus sylvaticus), Sumpf-Helmkraut (Scutellaria galericulata), Jakobs-Greiskraut (Senecio jacobaea), Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris), Huflattich (Tussilago farfara), Raues Veilchen (Viola hirta)

Problempflanzen = Invasive Neophyten (0,2% Deckungsanteil): Kanadischer Katzenschweif (Conyza canadensis), Kanadische Wasserpest (Elodea canadensis)

Besondere Pflanzengesellschaften: 

  • Knickfuchsschwanz-Flutrasen (Ranunculo repentis- Alopecuretum geniculati Tx. 37)

  • Großröhricht/Großseggenried (Phragmition/Magnocaricion W. Koch 26, Art. 13 d BayNatSchG)

  • Wasserpflanzengesellschaften (Potamogetonion pectinati W. Koch 26 em. Oberd. 57)

Fauna (ohne gefährdete Arten, s. o.):  Brutvögel: Graugans (Anser anser), Bläßhuhn (Fulica atra), Zilpzalp (Phylloscopus collybita), Zaunkönig (Troglodytes troglodytes); Amphibien: Erdkröte (Bufo bufo), Grasfrosch (Rana temporaria); Libellen: Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella), Große Pechlibelle (Ischnura elegans)

Besondere Strukturen:

  • dickstämmige Bäume (>75 cm Durchmesser in 1 m Höhe)

  • von Wasservögeln stark abgeweidete Rasen

39.3 Nutzungen und Konflikte

Nutzung/Pflege/Zustand

Konflikt

Begründung

Häufige Mahd bis unmittelbar an die Wasserlinie

mäßig bis stark

Naturferne, artenarme Ufervegetation

Uferverbau mit Betonrampe im Nordteil

mäßig bis stark

Naturfernes Element, Entwertung der Uferzone

Zahlreiche rund um den See

mäßig

Störungsfreie Zonen fehlen

Hohe Trittbelastung im Uferbereich

mäßig

Beeinträchtigung der Ufervegetation

Füttern von Wasservögeln

mäßig

Eutrophierung, hygienisches Problem

Verleih von Ruderbooten, Befahren des Sees

gering

Im naturfernen Gewässer kaum störend

Eisstockschießen/Eislaufen bei Dauerfrost

konfliktfrei

 

 

39.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge

  • Zumindest ein Teil des Ufers sollte zu einer ruhigeren Zone entwickelt werden, in der sich störempfindliche Tier- und Pflanzenarten entwickeln können. Anbieten für einen solchen naturnäheren Bereich würde sich der südöstliche Uferabschnitt. Dort sollten keine Anziehungspunkte für Besucher (Sitzbänke, Kurzrasen) geschaffen und die bestehenden entfernt werden.

  • Angepasstes Mahdregime für die 1-2 Meter breiten Uferstreifen im Norden und Osten: einschürig (Herbstmahd). Mindestens 30 % der Uferlänge sollten nur alle 2 Jahre gemäht werden.

  • Naturnahe Sanierung des durch Erosion stark beeinträchtigten Uferabschnitts im Nordosten

  • Naturnahe Umgestaltung des verbauten Ufers auf der Nordseite, wenigstens abschnittsweise Entwicklung eines 2 m breiten ungemähten Uferstreifens