Münchener Biotope - Außen2: Sukzessionsflächen am S-Bahnhof Perlach

Stadtbedeutsames Biotop
● Pflege- und Erhaltungszustand: Kritisch
● Schutzstatus: Nicht Ausreichend

Lage: südlich angrenzend an den S-Bahnhof Perlach, westlich der Hoferstraße
Schutzstatus nach Naturschutzrecht:  kein Schutzgebiet
Münchner Stadtbiotop-Nr.: 541
ABSP-Nr.: 749
Flächennutzung nach Flächennutzungsplan: Gewerbegebiet / Bahnanlage
Flächengröße: 2,1 ha

15.1: Geschichte, Geländebeschrei-bung, Vegetation: Bis etwa 1998 verlief durch die heutige Stadtbrache ein Industriegleis, das zum vorwiegend militärisch genutzten Flugplatz Neubiberg führte. Wahrscheinlich lagen parallel zum heute bestehenden Bahngleis weitere Gleise für den Güterumschlag.

Die rechteckige, ungenutzte Rohbodenfläche wird von einem Strukturkomplex aus Gehölzgruppen, Trampelpfaden und krautigen Vegetationsbeständen unterschiedlicher Wuchsdichte und Höhe eingenommen. Im Westteil überwiegen mäßig artenreiche 3-10 m hohe Feldgehölze, deren unregelmäßig buchtige Ränder ohne scharfe Abgrenzungen in ruderalisierte Graslichtungen übergehen. Auch in den verfilzten und mit Kratzbeeren (Rubus caesius) durchsetzten Grasfluren wachsen an zahlreichen Stellen junge Eschen auf. Eine noch sehr spärlich bewachsene Gleisschottertrasse quert diesen Westteil diagonal nach Südosten. Im rechten Winkel zu dieser Trasse verlaufen zwei Trampelpfade.



Typische Ansicht am S-Bahnhof Perlach: Mosaik aus blütenreichen Wiesen und Pioniergebüsche

Bemerkenswert ist das Vorkommen der gefährdeten Flatter-Ulme (Ulmus laevis) in mehreren Pioniergehölzen. Am Westrand des Bahnsteigs kommen ferner zwei kleine Bestände der Feuchtezeiger Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea) und Mädesüß (Filipendula ulmaria) vor, was auf einen lehmigen, verdichteten Untergrund schließen lässt. Relativ zentral im Westteil der Fläche hat sich ein reines Purpur-Weidengebüsch (Salix purpurea) von inzwischen 3 m Höhe ausgebreitet und überwächst zunehmend die Offenlandbereiche mit krautiger, blütenreicher Pioniervegetation.
 

Noch weitgehend offene Pioniermagerrasen mit hohem Anteil des Florentiner-Habichtskrauts (Hieracium piloselloides) und des Sand -Schaumkrauts (Cardaminopsis arenosa) findet man in Gleisnähe und angrenzend an den in Ost-Westrichtung leicht kurvig verlaufenden Längsweg. Diese beginnen jedoch auch stellenweise mit Weiden (Salix sp.) und Blutrotem Hartriegel (Cornus sanguinea) zu verbuschen.

Einen wesentlich größeren Flächenanteil nehmen vor allem in der Osthälfte Gras- und Krautfluren nährstoffarmer Standorte ein, u. a. mit Natternkopf (Echium vulgare) und einem leuchtend gelben Blühaspekt des Hornklees (Lotus corniculatus). Im zentralen Bereich auf der Südseite findet man ausgedehnte, stark trittbelastete, niedrige Pioniervegetation auf feinerdehaltigem Kiesboden. Ein knapp 10 m breiter Randstreifen neben dem Gleiskörper der S-Bahn wird von ziemlich nährstoffreichem Kratzbeergestrüpp mit Zaun-Winde (Calystegia sepium), Goldrutenfluren und artenarmen Grasfluren eingenommen. In diesem Bereich sind auch einige bis zu 10 m hohe Laubbäume aufgewachsen. Neben Weiden und Birken tragen auch Bastard-Pappeln und Espen durch Polykormonbildung mit ihren Ausläufern zu einem raschen Fortschritt der Verbuschung bei. Einige kleinflächige bis zu 1,7 m hohe Abraumhügel an den Randbereichen der Sukzessionsfläche erhöhen die Strukturvielfalt.

Östlich an die untersuchte Fläche grenzt eine weitere Stadtbrache an, die bereits für die Verlängerung der Wilhelm-Hoegner-Straße verplant ist. Dort wurde 2005 ein Vorkommen der Wechselkröte (Bufo viridis) wieder entdeckt (Sedlmeier).


Nächtlicher Wanderer am S-Bahnhof: die Wechselkröte
Nach Goldsche (pers. Mitt.) existiert dieses Vorkommen schon mehrere Jahre. Die Teilpopulation dürfte etwa 100 Adulti umfassen, die in mehreren kleinen Tümpeln auf der Brachfläche laichen können. Es ist damit das größte Vorkommen der in Bayern vom Aussterben bedrohten Art im südlichen Münchner Stadtgebiet. Zudem dürfte das Vorkommen in Beziehung zu den Vorkommen im Hachinger Tal stehen und damit eine sehr wichtige Rolle im Biotopverbund spielen. Es ist wahrscheinlich, dass die Tiere das hier beschriebene Biotop als Sommerlebensraum und die schütter bewachsenen Bahndämme als Verbreitungsweg nutzen.

Vegetations- und Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)

Laubbaumbestände (Kronendach)

30

Trittrasen und Trampelpfade

5

Deckung der Strauchschicht

25

Initialvegetation trocken

10

Gras- und Krautfluren nährstoffreicher Standorte

15

Vegetationsfreie Fläche

4

Wärmeliebende Ruderalfluren und Säume

1

Sonstige Flächenanteile

5

Altgrasbestand/Grünlandbrache

30

 

 

15.2 Artenzusammensetzung

Vorkommen gefährdeter Arten (*= sicher angesalbt): Wechselkröte (Bufo viridis / Laichgewässer in der östlich angrenzenden Fläche), Teichmolch (Triturus vulgaris / Laichgewässer in der östlich angrenzenden Fläche) *Langblättriger Ehrenpreis (Pseudolysimachion longifolium), Flatter-Ulme (Ulmus laevis)

Gehölze: Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Hänge-Birke (Betula pendula), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Esche (Fraxinus excelsior), Fichte (Picea abies), Pappel (Populus sp.), Espe (Populus tremula), Hunds-Rose (Rosa canina agg.), Vielblütige Rose (Rosa multiflora), Kratzbeere (Rubus caesius), Silber-Weide (Salix alba), Sal-Weide (Salix caprea), Purpur-Weide (Salix purpurea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra)

Gräser und Kräuter:  Acker-Steinquendel (Acinos arvensis), Riesen-Straußgras (Agrostis gigantea), Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria), Sandkraut (Arenaria serpyllifolia), Gewöhnlicher Beifuß (Artemisia campestris), Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), Zaun-Winde (Calystegia sepium), Sand-Schaumkresse (Cardaminopsis arenosa), Raue Segge (Carex hirta), Stachel-Segge (Carex muricata agg.), Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea), Wegwarte (Cichorium intybus), Acker-Winde (Convolvulus arvensis), Wiesen-Pippau (Crepis biennis), Wilde Möhre (Daucus carota), Natternkopf (Echium vulgare), Schmalblättriges Weidenröschen (Epilobium angustifolium), Behaartes Weidenröschen (Epilobium hirsutum), Schaf-Schwingel (Festuca ovina agg.), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Wiesen-Labkraut (Galium album agg.), Schlitzblättriger Storchschnabel (Geranium dissectum), Pyrenäen-Storchschnabel (Geranium pyrenaicum), Florentiner Habichtskraut (Hieracium piloselloides), Wilder Hopfen (Humulus lupulus), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum), Kompass-Lattich (Lactuca serriola), Wald-Platterbse (Lathyrus sylvestris), Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Gewöhnliches Leinkraut (Linaria vulgaris), Hornklee (Lotus corniculatus), Gewöhnlicher Steinklee (Melilotus officinalis), Kriechende Hauhechel (Ononis repens), Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas), Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea), Mittlerer Wegerich (Plantago media), Platthalm-Rispengras (Poa compressa), Gelbe Resede (Reseda lutea), Zottiger Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus), Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Bunte Kronwicke (Securigera varia), Scharfer Mauerpfeffer (Sedum acre), Acker-Senf (Sinapis arvensis), Wald-Ziest (Stachys sylvatica), Rainfarn (Tanacetum vulgare), Großer Bocksbart (Tragopogon dubius), Feld-Klee (Trifolium campestre), Mehlige Königskerze (Verbascum lychnitis), Schwarze Königskerze (Verbascum nigrum), Kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus), Schmalblättrige Wicke (Vicia angustifolia),

Problempflanzen = Invasive Neophyten (8% Deckungsanteil): Kanadischer Katzenschweif (Conyza canadensis), Schlanke Karde (Dipsacus strigosus), Einjähriger Feinstrahl (Erigeron annuus), Japanischer Flügelknöterich (Fallopia japonica), Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis), Späte Trauben-Kirsche (Prunus serotinus), Kartoffel-Rose (Rosa rugosa), Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), Späte Goldrute (Solidago gigantea), Schneebeere (Symphoricarpus rivularis)

Besondere Pflanzengesellschaften:

  • Thermophile Saumstaudenfluren (Origanetalia vulgaris Th. Müll. 61)

  • Möhren-Steinkleefluren (Dauco-Melilotion Görs 66)

Fauna (ohne gefährdete Arten, s. o.):  Erdkröte (Bufo bufo), Brauner Grashüpfer (Chorthippus brunneus), Distelfalter (Cynthia cardui), Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus), Malven-Dickkopffalter (Pyrgus malvae)

Besondere Strukturen:

  • offene Rohböden

  • dichtes Gebüsch

  • Abgelagerte Totholzäste

  • hohes Blütenangebot auf Teilbereichen

15.3 Nutzungen und Konflikte

Nutzung/Pflege/Zustand

Konflikt

Begründung

Geplante Verlängerung der Wilhelm-Hoegner-Straße

stark

Durch die Straßenplanung würden die Laichgewässer der am Bahnhof Perlach vorkommenden, vom Aussterben bedrohten Wechselkröte, überbaut. Der hier beschriebene Biotop würde damit seine Funktion als Sommerlebensraum für diese Art verlieren.

Biotopverbund gestört

stark

Durch die in den letzten 20 Jahren entstandene Bebauung ist die Fläche von den Freiflächen des Hachinger Tales weitgehend abgeschnitten worden. Eine gewisse Vernetzung existiert aber noch entlang des schütter bewachsenen und als Wanderachse für viele Arten geeigneten S-Bahndammes.

Starke Vermüllung

stark

Z. T. werden ganze Kleinlastwagen voller Müll angefahren und abgelagert

Ausführen von Hunden

mäßig bis stark

Störungen der Tierwelt in den Gebüschen und auf den Sukzessionsflächen, lokal erhebliche Eutrophierung nährstoffarmer Rohbodenstandorte

Starke Gehölzsukzession

gering bis mäßig

Rasches Zuwachsen arten- und blütenreicher Sekundär-Magerstandorte

Vor allem im Westteil hohe Trittbelastung

gering bis mäßig

Lokal starke Bodenverdichtung und Vegetationszerstörung

Spielen von Kindern, Naturerfahrung

gering

Die Entnahme von Kaulquappen, Molchen und Wechselkröten aus den benachbarten Gewässern kann die Populationsgrößen dieser Tiere erheblich verringern.


15.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge

  •  Um die ökologisch wertvollen Magerwiesen und Krautfluren zu erhalten, sollte die weitere Ausbreitung der Gebüsche durch gezieltes Auslichten und Auf-den-Stock-Setzen verhindert werden.

  • An mehreren Stellen sollte der Oberboden abgetragen werden, um wieder Rohböden für die Entwicklung von Pionierrasen zu schaffen.

  • Die starke Vermüllung des Geländes sollte durch Zufahrtsbarrieren und regelmäßige Müllentfernung verhindert werden.

  • Auf der Nachbarfläche (in der Verlängerung der Wilhelm-Hoegner-Straße sind gezielte Artenhilfsmaßnahmen für die bayernweit vom Aussterben bedrohte Wechselkröte notwendig. Dafür sollte die sehr starke Vermüllung der Fläche beseitigt und die Kleingewässer sollten dauerhaft erhalten werden.

  • Die Biotopflächen im Umgriff des Perlacher Bahnhofes sind im aktuellen Flächennutzungsplan als Gewerbe-, Bahn -, und Mischgebietsflächen oder sogar für neue Straßenverbindungen vorgesehen. Aufgrund des Vorkommens der Wechselkröte sollten die Flächen als Stadtbiotop gesichert und als Teil eines Biotopverbunds ins Hachinger Tal entwickelt werden.