Münchener Biotope - Außen2:  Neuer Israelitischer Friedhof

Stadtteilbedeutsames Biotop
● Pflege- und Erhaltungszustand: kritisch
● Schutzstatus: Ausreichend

Lage:   Nordschwabing: zwischen Domagk-, Ungererstraße und Autobahn A 9
Schutzstatus nach Naturschutzrecht:
kein Schutzgebiet
Münchner Stadtbiotop-Nr.: 74
ABSP-Nr.: 393
Flächennutzung nach Flächennutzungsplan: Friedhof mit Nutzungsbeschränkungen zum Schutz, zur Pflege und Entwicklung von Boden, Natur und Landschaft
Flächengröße: 5,6 ha

11.1 Geschichte, Geländebeschreibung, Vegetation: Nachdem sich in den 1880er Jahren abgezeichnet hatte, dass die Kapazität des Alten Israelitischen Friedhofs nicht mehr ausreichte, wurde der Neue Israelitische Friedhof ab 1904 von Hans Grässel geplant und 1908 nach der Schließung der alten Anlage eröffnet“. Auf der damals noch kaum bebauten Alten Heide in Nordschwabing wurde dieser geometrisch gestaltete Friedhof errichtet. Er ist mit ausschließlich gerade verlaufenden Wegen in unterschiedlichen Winkeln zueinander erschlossen. Ringsherum ist er mit einer ziemlich neu verfugten Ziegel- bzw. Betonmauer von mehr als 2 Metern Höhe eingefasst. Im Südteil überwiegt hoher, relativ alter Baumbestand innerhalb kaum noch für Bestattungen genutzter Gräberfelder. Es dominieren Spitz- und Berg-Ahorn (Acer platanoides et pseudoplatanus), beigemischt sind zahlreiche 6-10 Meter hohe Lebensbäume (Thuja sp.) und Scheinzypressen (Chamaecyparis sp.). Efeu (Hedera helix) deckt einen Großteil der vorwiegend bemoosten Grabplatten und Moosrasen zwischen den Gräbern und ist auch an zahlreichen Laubbaumstämmen empor geklettert. Im Südwesten des Friedhofs sind die Gräberfelder von 3-4 Meter hohen, aber sehr schmalen, streng geschnittenen Hecken aus Fliederbüschen und Hainbuchen eingefasst. Daneben kommen auch einige über 6 Meter hohe Thujenhecken mit lockerem Wuchs vor. Auch in diesem Bereich sind artenreiche Moosgesellschaften auf den Grabsteinen zu finden.



Mit Efeu, Wild- und Kulturpflanzen zugewachsene, ältere Grabstätten

Im Westteil des Friedhofs blieben trotz häufiger Mahd degradierte Heidereste erhalten. Sie weisen noch eine typische Artenkombination mit hohem Kleinseggen-Anteil, Heide-Günsel (Ajuga genevensis), Frühblühendem Thymian (Thymus praecox) und Kleinem Habichtskraut (Hieracium pilosella) auf. An anderen Stellen haben sich schattenverträgliche, artenarme Moosrasen u. a. mit dem Bäumchenmoos (Climacium dendroides) entwickelt. Richtung Nordwesten nimmt der Anteil aufgelassener Grabmäler zu, welche durch zahlreiche bis zu 8 Meter hohe Scheinzypressen in dichter Reihung sehr düster wirken.
 
Die auf den Nordteil konzentrierten neuen Gräberfelder werden ausgesprochen intensiv gepflegt, die einzelnen Grabstätten sind zum Großteil von niedrigen, streng geschnittenen Buchshecken eingefasst. Auch hier überwiegen florenfremde Koniferen gegenüber Laubbäumen. Der erst in jüngster Zeit neu angelegte Nordostteil, der noch keine Gräberfelder enthält, wirkt mit seinen strukturlosen Scherrasen und zahlreichen gleichförmig gepflanzten Einzelbäumen und Gehölzgruppen recht monoton.


Typische Ansicht des Israelitischen Friedhofs: Im Bildvordergrund neuere Gräberfelder, im Bildhintergrund dicht gepflanzte Scheinzypressen, die die älteren Grabstätten einrahmen

Nach außen grenzt den Friedhof hier eine völlig vegetationsfreie, weiße Mauer mit Betonabdeckung ohne jeglichen Krautsaum am Fuß ab. Die ca. 3 m breiten Wege sind größtenteils mit gräserreichen Pionierrasen bewachsen, die auch niedrigwüchsige Magerkeitszeiger wie z. B. den Milden Mauerpfeffer (Sedum sexangulare) enthalten. Ein besonders artenreicher Pionierrasen ist an und auf dem Weg am nordöstlichen Rand des Friedhofs entwickelt. An diesen Weg grenzt auch ein kleiner Blumenrasen mit Frühblühendem Thymian (Thymus praecox), Kleinem Habichtskraut (Hieracium pilosella agg.) und Rauem Löwenzahn (Leontodon hispidus) an.

Vegetations- und Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)

Laubbaumbestände (Kronendach)

25

intensiv gepflegte Gräber

12

Nadelbaumbestände (Kronendach)

22

vernachlässigte Gräber

12

Deckung der Strauchschicht

5

Scherrasen

20

Gras- und Krautfluren nährstoffreicher Standorte

0,5

Blumenrasen

2

Initialvegetation trocken

2

Zierhecken

1

Moos- und Flechtenbewuchs/Moosrasen

10

Sonstige Flächenanteile

5



11.2 Artenzusammensetzung
  

Vorkommen gefährdeter Arten (*= angepflanzt)
: Grünspecht (Picus viridis); *Kornelkirsche (Cornus mas), *Eibe (Taxus baccata)

Gehölze: Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), Hänge-Birke (Betula pendula), Buchsbaum (Buxux sempervirens), Hainbuche (Carpinus betulus), Scheinzypresse (Chamaecyparis sp.), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Hasel (Corylus avellana), Baum-Hasel (Corylus colurna), Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Buche (Fagus sylvatica), Esche (Fraxinus excelsior), Hänge-Esche (Fraxinus excelsior „Pendula“), Liguster (Ligustrum vulgare), Rote Heckenkirsche (Lonicera xylosteum), Hunds-Rose (Rosa canina agg.), Wilder Wein (Parthenocissus quinquefolia), Gewöhnlicher Flieder (Syringa vulgaris), Abendländischer Lebensbaum (Thuja occidentalis), Sommer-Linde (Tilia platyphyllos)

Gräser und Kräuter: Heide-Günsel (Ajuga genevensis), Kriechender Günsel (Ajuga reptans), Sandkraut (Arenaria serpyllifolia), Stein-Zwenke (Brachypodium rupestre), Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), Frühlings-Segge (Carex caryophyllea), Stachel-Segge (Carex muricata agg.), Wiesen-Augentrost (Euphrasia officinalis), Schaf-Schwingel (Festuca ovina agg.), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Wiesen-Labkraut (Galium album), Stinkende Nieswurz (Helleborus cf. foetida), Kleine Habichtskraut (Hieracium pilosella), Florentiner Habichtskraut (Hieracium piloselloides), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum), Kleinblütiges Springkraut (Impatiens parviflora), Goldnessel (Lamium galeobdolon), Rauer Löwenzahn (Leontodon hispidus), Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Kriechende Hauhechel (Ononis repens), Mittlerer Wegerich (Plantago media), Frühlings-Fingerkraut (Potentilla tabernaemontani), Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Feld-Thymian (Thymus pulegioides), Mehlige Königskerze (Verbascum lychnitis), Kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus), 

Problempflanzen = Invasive Neophyten (< 1 % Deckungsanteil): Zurückgebogener Amaranth (Amaranthus retroflexus), Kanadischer Katzenschweif (Conyza canadensis), Schlanke Karde (Dipsacus strigosus), Einjähriger Feinstrahl (Erigeron annuus), Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis), Japanischer Staudenknöterich (Fallopia japonica), Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), Schneebeere (Symphoricarpus rivularis)

Besondere Pflanzengesellschaften:

  • Sand- und Felsgrusfluren (Sedo-Scleranthetalia Br.-Bl. 55)

Fauna (ohne gefährdete Arten, s. o.):  Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), Kaninchen (Oryctolagus cuniculus); Nachtigall-Grashüpfer (Chorthippus biguttulus)

Besondere Strukturen:

  • Pflasterfugenvegetation

  •  dichtes Gebüsch

  •  verwilderte Efeu- und Moosrasen

  •  dickstämmige Bäume (75cm< Stammdurchmesser)


11.3 Nutzungen und Konflikte

Nutzung/Pflege/Zustand

Konflikt

Begründung

Fast flächendeckende, häufige Mahd; auch in den Gehölzbeständen im Ostteil

stark

Extreme Blüten- und Strukturarmut in der Krautschicht, Fehlen von Gehölzsäumen

weitgehende Entfernung des Falllaubs

mäßig bis stark

Fehlen des natürlichen Überwinterungsschutzes für die Kleintierwelt; Fehlen von Frühlingsgeophyten

Grabbesuche, Spazieren gehen, auf Bänken sitzen

konfliktfrei-

 



11.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge

  •  Eine höhere Artenvielfalt der Wiesen und Rasen könnte durch eine Reduzierung der Mahdhäufigkeit erzielt werden. Schwach wüchsige Moosrasen und Heiderelikte sollten nur einmal  jährlich gemäht werden. Im Nordostteil des Friedhofs könnten durch diese angepasste Mahd auch neue Blumenrasen und Krautsäume entwickelt werden.

  • Alte Grabsteine besitzen oft einen außergewöhnlich artenreichen Bewuchs mit Moosen und Flechten. Häufig sind gefährdete Arten darunter. Der Bewuchs verleiht aufgelassenen Gräbern und alten Friedhöfen oft auch eine besondere Würde, weil man ihnen so ihr manchmal mehr als hundertjähriges Alter ansieht. Moosbewuchs sollte von aufgelassenen Grabstätten deshalb keinesfalls radikal entfernt werden. Ähnliches gilt für Efeuranken. Ein außergewöhnliches Negativbeispiel stellt der Alte Südliche Friedhof in München dar, wo durch eine unverantwortliche „Putz“-Aktion nicht nur einige Dutzend Moos- und Flechtenarten ausgerottet wurden, sondern auch der altehrwürdige Charakter des Friedhofs komplett verloren ging.

  • Möglichst häufig sollte von gefällten Bäumen ein Stamm mit einer Mindesthöhe von 3-5 m stehen bleiben. Totholzbäume haben eine besonders hohe Bedeutung für höhlenbrütende Vögel, Fledermäuse, Käfer, Pilze, Flechten und Moose.

  • Thujen und Scheinzypressen sind florenfremde Arten, die nur wenigen Tieren als Nahrungs- und Brutort dienen können. Sie sollten deshalb mittelfristig durch florenheimische Baum- und Straucharten ersetzt werden.

  • Das Falllaub sollte, wo möglich, in Bereich der Strauchpflanzungen liegen bleiben. Falllaub ist der bevorzugte Überwinterungsort zahlreicher Kleintiere.