Münchner Biotope - Außen2: Hirschgarten

Überregional bedeutendes Biotop
Pflege- und Erhaltungszustand: kritisch, Schutzstatus: ausreichend

Lage: Nymphenburg: zwischenBahngelände, De-la-Paz-Straße, Königbauerstraße und Steubenplatz
Schutzstatus nach Naturschutzrecht:
Landschaftsschutzgebiet (LSG)
Münchner Stadtbiotop-Nr.:
274 ABSP-Nr.: 192
Flächennutzung:
Allgemeine Grünfläche
Flächengröße:
24,8 ha

1.1 Geschichte, Geländebeschreibung
Vegetation:
Im Sommer 1780 wurde der Oberstjägermeister Freiherr von Waldkirch von seinem Kurfürsten Carl Theodor beauftragt, auf dem etwa 40 Hektar großen Areal, einen abgezäunten "Tiergarten" anzulegen, und ihn mit gut 100 Hirschen zu besetzen. Vier Jahre später heißt es in einem Bericht: "...weil in dem neuen Tiergarten, ... der Eintritt auch dem Volke gestattet ist, erfreut er sich regen Besuches...". 1791 wird dann das so genannte „Jägerhaus“ erbaut. (Angaben aus: http://www.hirschgarten.de). Vor der Nutzung als Wildpark war auf dem Gelände bereits eine Fasanerie (ab 1720) angelegt, danach Hopfenanbau und eine Seidenraupenzucht. In den 1950er Jahren wurde der Park zum städtischen Erholungsgebiet umgestaltet. Das heutige Aussehen ist geprägt von hügeligen Wiesen und einem z. T. über 150 Jahre alten Baumbestand. Auf dem Gelände befinden sich ein zwei Hektar großes Gehege mit Rotwild und Münchens größter Biergarten, der "Königliche Hirschgarten" (http://www.wikipedia.de). Von den lichten Wäldern in der Umgebung des Schlosses Nymphenburg, die der kurfürstlichen und später der königlichen Hofgesellschaft im 18.Jahrhundert als Jagdgebiet dienten, sind heute nur noch wenige erhalten. Charakteristische Eichen-Hainbuchenwälder finden sich aber noch im Kapuzinerhölzl nördlich des Schlossparks und im Hirschgarten selbst. Der Park besteht aus zwei unterschiedlich alten Teilen. Der etwas größere „alte“ Nordteil enthält zahlreiche Altbäume, vor allem Stiel-Eichen. Im „neuen“ Südteil dominieren Rasenflächen.

Der Nordteil erinnert mit seinem Baumbestand an einen lichten Lohwald. Leider ist die Krautschicht aber durch Trittschäden und Nährstoffeintrag verarmt, z. T. treten auch untypische Nährstoffzeiger auf. So ist die Echte Nelkenwurz (Geum urbanum), eine Stickstoff anzeigende Pflanze, neben der Wald-Segge (Carex sylvatica) und dem Knaulgras (Dactylis glomerata) eine der häufigsten Pflanzenarten. Für diesen Waldtyp eigentlich charakteristische Frühlingsblüher sind nur sehr spärlich vorhanden. An zahlreichen Stellen vor allem im Nordosten liegen Totholz- Stammstücke von 3-7 m Länge in unterschiedlichen Zersetzungsstadien, die wertvolle Habitate für Totholz bewohnende Insekten darstellen. Unter anderem wurde im Rahmen der Arten- und Biotopschutz- Kartierung der Stadt München der Eremit (Osmoderma eremita) festgestellt. Diese Käferart ist in Bayern stark gefährdet und findet sich auch in Anhang 2 der Flora- Fauna-Habitatrichtlinie der Europäischen Union (d. h. für die Art müssen geeignete Schutzgebiete ausgewiesen werden). Der Eremit lebt im Mulm uralter toter oder absterbender Bäume. (Angaben zum Eremit aus http://www.eremit.net/ ). Zum Schutz des Eremiten werden von gefällten Alt-Eichen zumeist Stammstümpfe von 4-7 m Höhe belassen. Bedeutsam ist auch die Vogelwelt des Hirschgartens, vor allem innerhalb der Altbaumbestände brüten u. a. Grünspecht und Sperber. Im Wald finden sich mehrere Rasenflächen und auch unter dem Baumbestand werden einige Bereiche ohne Strauchwuchs wohl mehr als fünfmal jährlich gemäht, was die Artenvielfalt dort erheblich einschränkt. In der Studie München blüht (LBV, 2002) wurde die Wiesenpflege im Hirschgarten deshalb als ökologisch unzureichend eingestuft. In 2005 wurde aber die Mahdhäufigkeit einiger Teilflächen deutlich reduziert und dadurch eine Verbesserung erreicht (Luy mdl.).

Namengebend für den Hirschgarten ist das westlich an den Biergarten angrenzende knapp einen Hektar große umzäunte Wildgehege, in dem derzeit Damwild und verschiedene Schafrassen gehalten werden. Die überbeanspruchte, artenarme Fettweide mit Brennnesselherden ist zu ca. 20% von meist sehr alten Hute-Eichen und dickstämmigen Ahornen überschirmt.

Der Ziergarten am Steubenplatz: Im Nordosten des Hirschgartens, nahe des Steubenplatzes, befindet sich ein ca. 2000 m2 großer, geometrisch angelegter Ziergarten. In den schattigen Staudenund Ziergehölzbeeten finden sich viele immergrüne Gehölze, vor allem Eibe (Taxus baccata), Rhododendron und Lorbeerkirsche (Prunus laurocerasus). In diesem Bereich sind auch mehrere kreisrunde Steinwasserbecken von etwa zwei Metern Durchmesser angelegt worden. Südlich an die Beete schließt sich ein kleiner ovaler Teich an, dessen Ufer zu einem Drittel mit einer Steinstufe verbaut ist. Am unbefestigten Uferabschnitt siedeln punktuell ein Sumpfseggenbestand (Carex acutiformis) und ein Großröhricht mit Gelber Schwertlilie (Iris pseudacorus).
Der Südteil des Parks wird zum größten Teil von einem weitgehend ebenen, monotonen Scherrasen eingenommen. Innerhalb des Rasens wurden zahlreiche Einzelbäume gepflanzt, die inzwischen Stammdurchmesser von 20 cm bis 30 cm und 10-15 m Höhe erreicht haben. Die Wege sind in diesem Teil des Hirschparks fast alle asphaltiert.


Zahlreiche mächtige Alteichen prägen das Landschaftsbild im Hirschgarten

Im Südwesten sind zahlreiche Spielflächen angelegt, u. a. Sommerstockbahnen, Tischtennisplätze, Halfpipe, die sich auf unterschiedlichen Ebenen mit Niveauunter-schieden bis zu 1,5 m befinden. Im artenreichen Laub-gehölzbestand südlich des Wildgeheges sind auch einige mediterrane Zerr-Eichen (Quercus cerris) enthalten. Den mit einem geschlossenen, dichten Laubgehölzbestand bepflanzten Südrand des Parks markieren im Mittelteil zwei Hügel von ca. 5 bzw. 10 m Höhe.

Vegetations- und Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)

Laubbaumbestände (Kronendach) 45 Halbfettwiese/Blumenrasen 2
Nadelbaumbestände 1 Wildgehege/Fettweide 10
Deckung der Strauchschicht 7 Scherrasen 35
Gras- und Krautfluren nährstoffreicher Standorte 6 Intensiv gepflegte Zierbeete 1
Trittrasen und Trampelpfade 2 Still/Fließgewässer 0,1
Biergarten 7 Sonstige Flächenanteile 10

1.2 Artenzusammensetzung

Vorkommen gefährdeter Arten (*= gepflanzt): *Weiß-Tanne (Abies alba), *Kornelkirsche (Cornus mas), *Stechpalme (Ilex aquifolium), *Eibe (Taxus baccata), Abendsegler (Apus apus), Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus), Grünspecht (Picus viridis), Klappergrasmücke (Sylvia curucca), Sperber (Accipiter nisus), Eremit (Osmoderma eremita) [alle faunistischen Angaben: ABSP, 2005]

Gehölze: Weiß-Tanne (Abies alba), Feld-Ahorn (Acer campestre), Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Rote Rosskastanie (Aesculus x carnea), Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), Grau-Erle (Alnus incana), Osterluzei (Aristolochia sp.), Hänge-Birke (Betula pendula), Europäischer Buchsbaum (Buxus sempervirens), Hainbuche (Carpinus betulus), Kornelkirsche (Cornus mas), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Hasel (Corylus avellana), Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Buche (Fagus sylvatica), Esche (Fraxinus excelsior), Weiße Maulbeere (Morus alba), Fichte (Picea abies), Vogel-Kirsche (Prunus avium), Kaukasische Flügelnuss (Pterocarya fraxinifolia), Kultur-Birne (Pyrus communis), Zerr-Eiche (Quercus cerris), Stiel- Eiche (Quercus robur), Rot-Eiche (Quercus rubra), Rhododendron (Rhododendron sp.), Kratzbeere  (Rubus caesius), Himbeere (Rubus idaeus), Sal-Weide (Salix caprea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Schwedische Mehlbeere (Sorbus x intermedia), Sommer-Linde (Tilia platyphyllos)

Gräser und Kräuter: (*=sicher angesalbt): Gewöhnlicher Frauenmantel (Alchemilla vulgaris agg.), Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata), Bärlauch (Allium ursinum), *Wald-Geißbart (Aruncus dioicus), Stein-Zwenke (Brachypodium rupestre), Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), Spring-Schaumkraut (Cardamine impatiens), *Sumpf-Segge (Carex acutiformis), Behaarte Segge (Carex hirta), Sparrige Segge (Carex muricata agg.), Wald-Segge (Carex sylvatica), Hohler Lerchensporn (Corydalis cava), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), *Mädesüß (Filipendula ulmaria), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Wiesen-Labkraut (Galium album agg.), Echte Nelkenwurz (Geum urbanum), *Schneefeder-Funkie (Hosta undulata), *Atlantisches Hasenglöckchen (Hyacinthoides non-scripta), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum), *Gelbe Schwertlilie (Iris pseudacorus), Weiße Taubnessel (Lamium album), Feld-Hainsimse (Luzula campestris), Mittlerer Wegerich (Plantago media), Gänse-Fingerkraut (Potentilla anserina), Knolliger Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus), Bunte Kronwicke (Securigera varia), *Schirmbambus (Sinarundinaria murielae), Gewöhnlicher Beinwell (Symphytum officinale), Hain-Veilchen (Viola riviniana)

Problempflanzen = Invasive Neophyten (1% Deckungsanteil): Schlanke Karde (Dipsacus strigosus), Japanischer Flügelknöterich (Fallopia japonica), Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis agg.), Robinie (Robinia pseudoacacia), Kanadische Goldrute (Solidago canadensis)

Fauna (ohne gefährdete Arten, s. o.): Damwild (Dama dama), Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), Zilpzalp (Phylloscopus collybita), Stieglitz (Carduelis carduelis), Grauschnäpper (Muscicapa striata), (ca. 30 weitere Brutvogelarten)

Besondere Pflanzengesellschaften:
· Eichen-Hainbuchenwald (Carpinion betuli Issl. 31 em. Oberd. 53)
· Thermophile Saumstaudenfluren (Origanetalia vulgaris Th. Müll. 61)
· Möhren-Steinkleefluren (Dauco-Melilotion Görs 66 )
· Sand- und Felsgrusfluren (Sedo-Scleranthetalia Br.-Bl. 55 )

Besondere Strukturen:
· Baumhöhlen
· Totholz/ liegende dicke Stämme
· zahlreiche dickstämmige Bäume (> 75 cm Durchmesser in 1,5 m Höhe)
· markantes Oberflächenrelief (lokal im Südteil)

 

1.3 Nutzungen und Konflikte

Nutzung/Pflege/Zustand

Konflikt

Begründung

Zu häufige und flächenhafte Mahd des Grünlandes und der lichten Bereiche im Baumbestand

stark

Weitgehender Verlust der typischen Lebensgemeinschaften eines Lohwaldes, fehlende Waldsäume und Blumenwiesen; starke Artenverarmung

Biotopvernetzung bedroht

stark

Durch die geplante Bebauung am Birketweg und an der Herthastr. wird die Vernetzung zum räumlich nahen Nymphenburger Schlosspark beeinträchtigt werden, weil die vernetzenden Bahnbiotope überbaut werden.

Altbäume werden aus Gründen der Verkehrssicherheit deutlich vor dem Erreichen der natürlichen Altersphase (Faulstellen, Höhlenentstehung) gefällt.

mäßig

Erheblicher Verlust an stehendem Totholz als potentieller Lebensraum für Totholz bewohnende Insekten und Baumhöhlen bewohnende Wirbeltiere. Dafür verbleiben aber oft mehrere Meter hohe Baumstümpfe und liegendes Totholz im Bestand

Teich im Nordosten: Verbautes, betoniertes Gewässerufer, Mahd bis an das steile Ufer

mäßig

Die Ausbildung einer naturnahen Ufer- und Gewässervegetation wird verhindert.

Hoher Versiegelungsgrad im Südteil des Parks, fast alle Wege mit Aufweitungen; Spielflächen asphaltiert

mäßig

Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und der Bodenfunktionen

Grillen/Feuerstellen vor allem auf den artenarmen Scherrasen und ausgewiese-nen versiegelten Grillplätzen

gering bis  mäßig

Auf dem Aussichtshügel flächenhaft zerstörte Vegetationsdecke, Geruchsbelästigung

Hunde ausführen

gering

Verunreinigung von Spiel- und Liegewiesen, Störung von Erholungssuchenden

Spielen und Sonnenbaden

gering

Auf den Liegewiesen ist eine regelmäßige Müllbeseitigung notwendig.

Trittbelastung / Trampelpfade

gering

Wegen der sehr geringen ökologischen Wertigkeit des hauptsächlich betroffenen Südteils treten keine nennenswerten Beeinträchtigungen auf.

Gastronomie / sehr großer Biergarten im Westen

gering

Ökologisch wenig bedeutsamer Bereich, aber starke Trittbelastung auch im Umfeld, stellenweise zerstörte Grasnarbe


1.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge

  • Vor allem im Nordteil des Parks könnte die Mahdhäufigkeit auf den Wiesenflächen deutlich reduziert werden. Intensivrasen mit sehr häufiger Mahdfrequenz sollten auf wenige Hektar im Südteil beschränkt werden (vgl. München blüht, LBV, 2002).

  • Um blütenreiche Krautsäume zu entwickeln, sollten mehrere Meter breite Streifen an den Gehölzrändern nur im jährlichen oder zweijährigen Turnus, jeweils im Herbst gemäht werden.

  • Zum Erhalt und zur Entwicklung von Blumenrasen in der Mitte des Parks und im südlichen Randbereich sollten diese Flächen maximal fünfmal jährlich gemäht werden.

  • Von gefällten Bäumen sollte möglichst oft ein Stamm von 3-5 m Höhe stehen bleiben. Totholzbäume haben eine besonders hohe Bedeutung für höhlenbrütende Vögel, Fledermäuse, Käfer, Pilze, Flechten und Moose. Aus dem gleichen Grund sollte anfallendes Totholz auch nicht komplett abtransportiert werden. Zumindest eine kleinere Menge kann an geeigneter Stelle innerhalb der Gehölzbestände auf natürliche Weise verrotten. Brutbäume des Eremiten sollten erfasst und dann gezielt geschützt werden.