Ehemals Überregional
bedeutsames Biotop
● Pflege- und Erhaltungszustand: Weitgehend zerstört
● Schutzstatus: Gegenstandslos
Lage: Moosach-Ost, zwischen Borstei
und Georg-Brauchle-Ring, westlich der Landshuter-Allee
Schutzstatus nach Naturschutzrecht: kein Schutzgebiet
Münchner Stadtbiotop-Nr.: 113 und 468
ABSP-Nr.: 173
Flächennutzung nach Flächennutzungsplan: bis 2004 Sonderfläche
Industrieller Gemeinbedarf; ab 2005: Mix aus Allgemeinen Wohnflächen,
Misch- und Gewerbegebieten, ökologischen Vorrangflächen
Flächengröße: 3,3 ha (2003), ehemals 20 ha
17.1 Geschichte,
Geländebeschrei-bung, Vegetation: Das ehemalige Gaswerk wurde zu
Beginn des 20. Jahrhunderts zur Energieversorgung der Stadt auf einem ca.
20 Hektar großen Gebiet errichtet. Die zur Erzeugung des Stadtgases aus
trockener Destillation benötigte Steinkohle wurde über drei
Industrie-Anschlussgleise von Osten her in das Werksgelände befördert. Die
drei zur Speicherung des Gases notwendigen annähernd 100 m hohen Gaskessel
im Südwesten bzw. Nordwesten des Gaswerkgeländes prägten bis ungefähr 1980
entscheidend das Stadtbild. Heute zeugen noch kohlehaltige Rückstände auf
dem Nordteil der Untersuchungsfläche von der früheren industriellen
Nutzung.

Naturzerstörung in der
Stadt: Der überregional bedeutsame Biotop im ehemaligen Gaswerksgelände
wurde größtenteils überbaut |
Das ehemalige
Gaswerksgelände in Moosach war bis zu Beginn der Bauarbeiten ein
überregional bedeutsames Biotop (ABSP, 2005). Auf dem Gelände kam die vom
Aussterben bedrohte Wechselkröte (Bufo viridis) vor. Als Brutvogel wurde
der gefährdete Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) festgestellt. Die
Artenzahlen der Höheren Pflanzen und wirbelloser Tiere waren
außergewöhnlich hoch. Das Gelände ist 2004 zu einem Mischgebiet aus Wohn-
und Büronutzung umgewidmet worden und wird derzeit komplett überbaut.
Durch die Bauarbeiten ist der Biotop vollständig zerstört worden. 2003 zum
Zeitpunkt der Kartierung war noch eine etwa 3,3 ha große Teilfläche am
Ostrand des Geländes erhalten. |
Der 2003 weitgehend
von Baumaßnahmen verschont gebliebene Bereich wurde von einer größtenteils
nährstoffarmen Sukzessionsfläche eingenommen. Auf mehr als der Hälfte der
Fläche, vor allem im Nordteil des Geländes, hatte sich mäßig dichter
Gehölzaufwuchs entwickelt. Die Gehölze wurden von mehreren in
Ost-West-Richtung verlaufende Lichtungen mit unregelmäßigen
Randabgrenzungen unterbrochen. Besonders zahlreich kamen Birken (Betula
pendula) und Sal-Weiden (Salix caprea) vor, aber auch der Robinienanteil
war für Münchner Verhältnisse ungewöhnlich hoch. Auf den Lichtungsstreifen
und im Südteil des Geländes überwogen nährstoffarme mäßig artenreiche
Grasfluren mit Ruderalisierungszeigern und regelmäßiger Beimischung von
Kriechender Hauhechel (Ononis repens) und Kratzbeere (Rubus caesius). Eine
Vielzahl blütenreicher Flecken u. a. aus Hornklee (Lotus corniculatus)
bereicherten die Gras- und Krautfluren ästhetisch und lockten zahlreiche
Blüten besuchende Insektenarten an. Aber auch Goldrutenbestände nahmen
bereits große Flächenanteile ein. An den Randbereichen zu den Wegen und
ehemaligen Gleiskörpern hatten sich Natternkopffluren und andere
Ausprägungen der Möhren-Steinkleefluren meist mit Königskerzen-Arten
(Verbascum ssp.) entwickelt. Der Übergang ausdauernder Ruderalfluren zu
Pionierrasen aus Sandkraut, Rispen-Flockenblume und im Südteil auch
Rosmarin-Weidenröschen war fließend.
Entlang der gesamten
Randzone führte ein unbefestigter Weg. Auf dessen südlichem Abschnitt
hatten sich ephemere, vegetationsfreie Flachgewässer, die potentielle
Laichgewässer der Wechselkröte waren, gebildet. Auch auf den mehrere Meter
breiten Wegrandstreifen waren stellenweise verdichtete Lehmrohböden mit
zeitweiliger Staunässe vorzufinden, aber auch wenige Dezimeter hohe
sandig-kiesige Hügel(ketten) mit Pioniervegetation. Diese wurden von
zahllosen Ameisen in extremer Dichte besiedelt. Eine derart gleichmäßig
dichte Ameisenbesiedelung auf so großer Fläche könnte für München einmalig
gewesen sein. Im Zusammenhang damit stand auch die sicher mehr als 100
Individuen umfassende Population des Idas-Silberfleck-Bläulings (Lycaeides
idas), der in Symbiose mit Ameisen lebt. Als weitere Strukturen waren an
verschiedenen Stellen ca. 2 m hohe Abraumhügel aus Oberboden aufgeworfen,
auf welchen außer Natternkopf (Echium vulgare) auch Königskerzen
(Verbascum sp.) und Stinkrauke (Diplotaxis tenuifolia) gediehen.

Blau blühende
Natternkopf-Fluren
im verbliebenen Teil des Biotops |
Im Nordosten und entlang der Ostgrenze hatte sich eine nährstoffreiche
Ruderalflur u. a. mit Pfeilkresse (Cardaria draba) und Gewöhnlichem
Seifenkraut (Saponaria officinalis) ausgebreitet, die in ein
nitrophytisches, allmählich sich ausbreitendes Holundergebüsch überging.
Am Rand eines Asphaltwegs im Nordosten hatte sich eine fragmentarische
Mauerpfefferflur entwickelt. Im Nordwesten grenzte ein dichtes Wärme
liebendes Gebüsch das Gelände zur Baustelle ab. |
Vegetations- und
Strukturtypen (Anteilsschätzung in %)
|
Laubbaumbestände
(Kronendach) |
40 |
Initialvegetation trocken |
10 |
|
Deckung der Strauchschicht |
25 |
Vegetationsfreie Fläche |
6 |
|
Gras- und Krautfluren
nährstoffreicher Standorte |
8 |
Sonstige Flächenanteile |
3 |
|
Altgrasbestand/Grünlandbrache |
35 |
|
|
17.2
Artenzusammensetzung
Vorkommen gefährdeter
Arten: Wechselkröte (Bufo viridis / Angabe aus ABSP, 2005)
Rosmarin-Weidenröschen (Epilobium dodonaei), Schuppenfrüchtige Gelb-Segge
(Carex lepidocarpa), Idas-Silberfleck-Bläuling (Lycaeides idas),
Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens)
Gehölze: Spitz-Ahorn
(Acer platanoides), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Hänge-Birke (Betula
pendula), Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea), Hasel (Corylus avellana),
Eingriffliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Liguster (Ligustrum vulgare),
Pappel (Populus sp.), Espe (Populus tremula), Vogel-Kirsche (Prunus avium),
Hunds-Rose (Rosa canina agg.), Wein-Rose (Rosa rubiginosa), Kratzbeere
(Rubus caesius), Silber-Weide (Salix alba juv.), Sal-Weide (Salix caprea),
Purpur-Weide (Salix purpurea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Flieder
(Syringa vulgaris), Sommer-Linde (Tilia platyphyllos)
Gräser und Kräuter:
Riesen-Straußgras (Agrostis gigantea), Genfer Günsel (Ajuga genevensis),
Zurückgebogener Amaranth (Amaranthus retroflexus), Acker-Gauchheil
(Anagallis arvensis), Hundskamille (Anthemis sp.), Wundklee (Anthyllis
vulneraria), Sandkraut (Arenaria serpyllifolia), Kamtschatka-Beifuß
(Artemisia verlotiorum), Gewöhnlicher Beifuß (Artemisia vulgaris),
Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Dach-Trespe (Bromus tectorum),
Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), Acker-Glockenblume (Campanula
rapunculoides), Weg-Distel (Carduus acanthoides), Wiesen-Flockenblume
(Centaurea jacea), Rispen-Flockenblume (Centaurea stoebe), Wilde Möhre
(Daucus carota), Stinkrauke (Diplotaxis tenuifolia), Natternkopf (Echium
vulgare), Gewöhnlicher Erdrauch (Fumaria officinalis), Wiesen-Labkraut
(Galium album agg.), Kahles Bruchkraut (Herniaria glabra), Gewöhnliches
Habichtskraut (Hieracium lachenalii), Florentiner Habichtskraut (Hieracium
piloselloides), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum),
Wiesen-Platterbse (Lathyrus pratensis), Rauer Löwenzahn (Leontodon
hispidus), Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Hornklee (Lotus
corniculatus), Goldfelberich (Lysimachia punctata), Wilde Malve (Malva
sylvestris), Gewöhnlicher Steinklee (Melilotus officinalis), Kriechende
Hauhechel (Ononis repens), Natternkopf-Bitterkraut (Picris echioides),
Gewöhnliches Bitterkraut (Picris hieracioides), Platthalm-Rispengras (Poa
compressa), Gelbe Resede (Reseda lutea), Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba
minor), Gewöhnliches Seifenkraut (Saponaria officinalis), Bunte Kronwicke
(Securigera varia), Milder Mauerpfeffer (Sedum sexangulare),
Felsen-Fetthenne (Sedum reflexum), Weiße Lichtnelke (Silene alba),
Gras-Sternmiere (Stellaria graminea), Feld-Klee (Trifolium campestre),
Schweden-Klee (Trifolium hybridum), Mehlige Königskerze (Verbascum
lychnitis), Behaarte Wicke (Vicia hirsuta)
Problempflanzen = invasive
Neophyten (20% Deckungsanteil): Schlanke Karde (Dipsacus strigosus),
Einjähriger Feinstrahl (Erigeron annuus), Japanischer Staudenknöterich
(Fallopia japonica), Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis), Wilder Wein
(Parthenocissus quinquefolia), Robinie (Robinia pseudoacacia), Kanadische
Goldrute (Solidago canadensis)
Besondere Pflanzengesellschaften:
Fauna (ohne gefährdete
Arten, s. o.): Zilpzalp (Phylloscopus collybita), Distelfalter (Cynthia
cardui), Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus)
Besondere Strukturen:
17.3 Nutzungen und
Konflikte
|
Nutzung/Pflege/Zustand |
Konflikt |
Begründung |
|
Bebauung des größten Teiles des ehemaligen
Gaswerksgeländes |
stark |
Der größere Teil der Artenvielfalt ist durch
die Bebauung verschwunden, ansiedeln können sich nur noch Arten mit sehr
geringem Raumanspruch. Die Biotopvernetzung des Restbiotopes ist
unterbrochen. |
|
Biotopverbindung unterbrochen |
stark |
Der Biotop ist durch die neu entstandene
Bebauung und die Lage am Mittleren Ring in eine Insellage geraten.
Mittelfristig ist mit einem Verschwinden der meisten wenig mobilen Arten
zu rechnen. |
|
Abgelagerte Gleisstücke mit starkem
Karbolgeruch; verölter Oberboden |
stark |
Verunreinigung von Boden und Grundwasser |
|
Expansiver Neophytenbewuchs /große
Flächenanteile werden von Robinie und Kanadischer Goldrute eingenommen |
mäßig |
Verminderung bzw. deutlicher
Qualitätsverlust artenreicher Lebensräume auf Magerstandorte |
|
Im Mittelteil fehlende Pflege, ziemlich
starke Gehölzsukzession |
gering bis mäßig |
Zunehmender Verlust von nährstoffarmen
Offenlandlebensräumen |
|
Vollständiges Abholzen der Randzone im
Norden |
mäßig |
Die Maßnahme wurde wahrscheinlich zur
Vogelbrutzeit im Frühjahr 2003 durchgeführt und hat wohl den Bruterfolg
der dortigen Vogelarten für das gesamte Jahr zerstört. |
17.4 Pflege- und Maßnahmevorschläge
-
Auf der kleinen Fläche im Westen, die als
ökologische Vorrangfläche erhalten bleibt, sollte versucht werden, einen
größeren Teil der Artenvielfalt des ehemaligen Gaswerkes zu erhalten.
Dafür ist ein bestimmter Pflegeaufwand nötig. Für die vom Aussterben
bedrohte Wechselkröte sollten mehrere Kleingewässer angelegt werden. Durch
das regelmäßige Zurückschneiden von Gehölzen, ein angepasstes Mahdregime
und die Schaffung von Rohbodenstandorten sollte ein Mosaik aus
Pionierrasen, Krautfluren und Magerrasen erhalten bzw. entwickelt werden.
|