AK Natur in der Stadt: Managementpläne für Münchner Biotope Teil 2 (Auszug)
Die
Biotope der Münchner Innenstadt
Zustand – Konflikte - Maßnahmeempfehlungen
(Dezember
2003)
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Herausgeber: Gregor Louisoder -
Umweltstiftung Autoren:
Ulrich Schwab |
1 Naturschutz in der Münchner Innenstadt „Naturschutz und Landschaftspflege finden laut Naturschutzgesetz auf 100 % der Stadtgebietsfläche statt. Der Artenschutz für den eine Vielfalt von Gründen spricht, ist somit auch in der Innenstadt eine raumbeanspruchende Flächennutzung. Sämtliche Freiräume der Stadt werden ständig von wildwachsenden Pflanzen und wildlebenden Tieren besiedelt. Die ökologischen Ansprüche dieser Arten stehen oft in Einklang mit den urbanen Lebensbedingungen, so dass viele Arten nicht schutzbedürftig sind. Besonders auf extensiv genutzten Flächen können sich jedoch Arten ansiedeln, die bei einem Nutzungswandel oder einer Nutzungsintensivierung bedroht werden.“ (Sukopp u. Wittig, 1993) Zwischen Naturschutz und urbanen Nutzungsformen muss demnach kein Widerspruch bestehen. Auch das Zentrum einer Großstadt kann eine hohe Artenvielfalt aufweisen, obwohl naturnahe Flächen weitgehend fehlen. So kommen in z. B in Berlin in der Zone geschlossener Bebauung 380 Arten von Samenpflanzen vor; in der äußeren Randzone der Stadt nur 357 (Kunick, 1974). Die Artenvielfalt der Stadt ist zu einem erheblichen Teil durch die Vielfalt an Nutzungen bedingt. Gewerbe, Wohnen, Bahn- und Militärflächen, Grünanlagen, Parks, Stadtgewässer und Brachen wechseln bei den meisten deutschen Städten wie auf einem Flickenteppich miteinander ab. In diesem Punkt ist die Münchner Innenstadt inzwischen aber zu einer Ausnahme geworden, da sie trotz stetig steigender Versiegelung an Nutzungen immer mehr verarmt. Vor allem Wohnen, Büros und intensiv gepflegte Grünanlagen mit hohem Nutzrasenanteil nehmen zu; Stadt- und Bahnbrachen, Lagerflächen; Gewerbeflächen mit produzierendem Gewerbe und nur extensiv gepflegte Grünflächen nehmen ab. Grund dafür sind die in der Münchner Innenstadt exorbitant hohen Grundstückspreise, die eine längere Brachezeit oder wenig produktive Nutzungen wie Lagerflächen nicht zulassen. Gerade bei einem durch hohe Grundstückspreise verursachten Nutzungsdruck spielt die Stadtplanung eine entscheidende Rolle beim Arten- und Biotopschutz. Sie muss dafür sorgen, dass bei der Stadtentwicklung ökologische Prinzipien, trotz vieler gegenläufiger Nutzungsansprüche, ausreichend berücksichtigt werden. Grundlage hiefür ist in München die Leitlinie Ökologie, die am 21. März 2001 vom Münchner Stadtrat beschlossen wurde. Mit dieser Leitlinie will die Stadt München „die langfristige Sicherung des Artenpotentials der wildwachsenden Pflanzen und wildlebenden Tiere in ihren Lebensräumen durch Erhalt und Aufbau eines Netzes naturnaher Flächen im gesamten Stadtgebiet, sowohl in den bebauten als auch in den unbebauten Bereichen“ erreichen. Zur Umsetzung dieser Planungsziele stehen der Stadt inzwischen mehrere Möglichkeiten offen |
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Ebenso wichtig wie die planerischen Vorgaben ist natürlich deren Umsetzung. Im Gegensatz zu den Randbereichen der Stadt, wo die Umsetzung ökologischer Maßnahmen durch zersplitterte Besitzverhältnisse erschwert ist, sind die Voraussetzungen in der Innenstadt sehr viel günstiger. Die Freiflächen der Münchner Innenstadt, die den überwiegenden Teil der verbliebenen Artenvielfalt bergen, sind größtenteils im Besitz der öffentlichen Hand. Einer Umsetzung der Leitlinie Ökologie oder den ähnlichen Leitvorstellungen von Bund und Land, steht deshalb kaum etwas entgegen. Als eine Erschwernis bei der schnellen Umsetzung fachlicher Vorgaben könnte die Organisationsstruktur der Verwaltungen wirken. Die Referate oder Fachabteilungen, die sich konkret mit der Pflege von Grünanlagen oder Parks vor Ort befassen, sind fast immer strikt getrennt von den Abteilungen, die sich mit der Erarbeitung der naturschutzfachlichen Vorgaben und der Grünplanung befassen. So sind bei der Landeshauptstadt München der Naturschutz und die Landschaftsplanung beim Referat für Stadtplanung und Bauordnung angesiedelt, die Pflege von Friedhöfen, Parks und Grünanlagen beim Baureferat. Die beiden größten Naturschutzverbände in München, der Landesbund für Vogelschutz (LBV) und der Bund Naturschutz (BN) sind in der Münchner Innenstadt hauptsächlich im Artenschutz aktiv. Stützende Maßnahmen werden unter anderem für Wanderfalke, Wasseramsel, Mauersegler und Fledermäuse durchgeführt. Darüber hinaus versuchen die Verbände ihren naturschutzfachlichen Argumenten im Rahmen von Planfeststellungs- und Bebauungsplanverfahren Geltung zu verschaffen. Bisher wird, im Gegensatz zum Stadtrandbereich, in der Innenstadt keine schutzwürdige Fläche von den Naturschutzverbänden gepflegt. Dies liegt vor allem daran, dass die Pflege der Innenstadtbiotope aufgrund der Besitzverhältnisse eine Aufgabe der öffentlichen Hand oder der Bahn ist. Außerdem stoßen LBV und BN schon beim Versuch zumindest die Heide- und Moorflächen am Stadtrand zu erhalten, an die Grenzen ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit. |
2 Das Untersuchungsgebiet |
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Diese
Studie befasst sich mit der Natur in der Münchner Innenstadt. Als
Innenstadt wurde dabei die Stadtfläche innerhalb des Mittleren Rings
definiert. Der Mittlere Ring, Stadtautobahn und Hauptverkehrsader Münchens,
umschließt eine Gesamtfläche von 4.400 ha. Das sind 14 % des
Stadtgebietes. Die Flächennutzung in diesem Teil der Stadt beschränkt
sich auf Wohn- und Gewerbegebiete und eine Reihe von Grünanlagen. Der
Versiegelungsgrad der Innenstadt liegt zwischen 60 % und 70 %. Vertieft untersucht wurden in dieser Studie 40 Flächen, die im Folgenden als Innenstadtbiotope bezeichnet werden. Die Innenstadtbiotope besitzen eine Gesamtfläche von etwa 530 ha, das entspricht etwa 12 Prozent der Innenstadtfläche. Die 40 Innenstadtbiotope beinhalten fast alle großen Freiflächen wie die Isarau, die Maximiliansanlagen, den Westpark und den Olympiapark. Nur vom Englischen Garten wurde lediglich das Bachsystem untersucht. Der übrige Teil war bereits Bestandteil des ersten Teils der Studie „Managementpläne für Münchner Biotope“ (LBV, 2002). Neben den großen Freiflächen wurden auch fast alle kleineren Parks, die Stadtbäche und Kleingartenanlagen untersucht. In Innenstädten generell, und nachgewiesenermaßen auch in München, ist auf Bahnflächen, Stadtbrachen und extensiv genutzte Gewerbeflächen ein besonderer Artenreichtum zu erwarten (vgl. Sukopp und Wittig, 1993; Springer, 1985; Bräu und Schwibinger, 2001; Schwibinger und Bräu, 2001). Deshalb wurde auch ein großer Teil dieser Innenstadtbereiche in die Studie aufgenommen. Lage und Bezeichnung aller 40 untersuchten Flächen finden sich in der Übersichtskarte. |
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Nomenklatur |
Rote Liste Bayern o. BRD | |
| Säugetiere | Angermann, 1995 | Kraus et al., 1992; Richarz u. Schlapp, 1992 |
| Vögel | Bauer et al., 2002 | Bauer et al., 2002 |
| Reptilien | Peters, G., 1995 | Heusinger et al., 1992 |
| Amphibien | Günther, R., 1995 | Krach et al., 1992 |
| Fische | Deckert, K., 1995 | Bohl, 1992 |
| Tagfalter | Weidemann, 1995 | Geyer und Bücker, 1992 |
| Heuschrecken | Schlumprecht u. Waeber, 2003 | Schlumprecht und Waeber, 2003 |
| Höhere Pflanzen, Farne | Wisskirchen u. Haeupler, 1998 | Schönfelder, 1987 |
| Laub- und Lebermoose | Koperski et al., 2000 | Meinunger und Nuss, 1996 |
| Flechten | Wirth, 1995 | Wirth et al, 1996 |
| Tabelle1: Nomenklatur und Gefährdungsgrad |
4 Umweltfaktoren in der Münchner Innenstadt 4.1 Niederschläge, Luftfeuchte, Temperatur Die mittlere Jahressumme des Niederschlags beträgt im langjährigen Mittel in München etwa 950 mm, wobei etwa zwei Drittel der Niederschlagsmenge in der Zeit von Mai bis Oktober fallen. Regenreichste Monate sind der Juni und der Juli. An der innerstädtischen Messstelle Lothstraße wurde 1998 ein Monatsmittelwert der Luftfeuchte im Januar bei 80 % gemessen. In den übrigen Monaten lag er zwischen 55 und 70 %. Außer im Dezember und Januar fiel die Luftfeuchte tageweise immer wieder unter 60 %. An der Luftmessstation des Münchner Flughafens, der außerhalb der Stadt im Erdinger Moos liegt, lag der Monatsmittelwert der Luftfeuchtigkeit 1997 von November bis Januar bei über 90%. Der Tiefstwert lag noch über 75 %. Auch die niedrigsten Tagesmittelwerte lagen nie unter 60 % (LFU, 1998). Aus dem Vergleich der beiden Messstellen Lothstraße und Flughafen wird deutlich, dass die Luftfeuchtigkeit in der Innenstadt reduziert ist und weitaus stärker schwankt als im Umland. Wahrscheinlich ist die geringe Artenzahl hygrophiler Tier- und Pflanzenarten auf diesen Umstand, die so genannte „Stadttrocknis“ zurückzuführen. Die Jahresdurchschnittstemperatur im Großraum München liegt bei etwa 8°C (Schäfer, 1982). Die Verhältnisse der Innenstadt weichen davon allerdings erheblich ab (Bründl, 1980). Bereits seit Jahrzehnten ist nachgewiesen, dass hoch versiegelte Städte ein eigenes Stadtklima aufweisen. Dieses zeichnet sich gegenüber dem Umland durch Überwärmung und stärkere Temperaturschwankungen aus. Ebenso treten Inversionen häufiger auf. Die Höhe der Überwärmung korreliert mit der Versiegelung. Eine Erhöhung der Versiegelung um 10 % bedeutet eine Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur um 0,3°C (Zimmermann, 1982; Fezer, 1995). In der Münchner Innenstadt ist somit von einer Überwärmung von etwa 2°C auszugehen. Noch extremere Verhältnisse können bei den Oberflächentemperaturen auftreten. Die Temperaturunterschiede zwischen den städtischen Wald- und Betonflächen können an Sommertagen etwa 30°C erreichen (www.muenchen.de/referat/rgu/umweltdaten/luft_klima/klima/). |