Münchner Biotope: Alter südlicher Friedhof

Lage
Der alte südliche Friedhof, der schon vor 1563, im Randbereich einer Flussaue außerhalb der Münchner Stadtmauern angelegt wurde, befindet sich heutzutage nahe des Münchner Zentrums in der Isarvorstadt.

Er wird im Osten von der Pestalozzi-, im Süden von der Kapuziner- und im Westen von der Thalkirchnerstraße, sowie im Norden vom Stephansplatz und der Stephanskirche begrenzt.
Seine beiden Teile, der größere alte im Norden und der später hinzugefügte neue im Süden sind zusammen ca. 8,3 ha groß.

Charakter

Durch die hohen Backsteinmauern, die außen oft mit wildem Wein, innen zum Teil noch Efeu bewachsenen sind, wird der Stadtlärm ferngehalten und das Vogelgezwitscher hörbar. Kräftiger alter Baumbestand, manchmal von Efeu umwuchert, spendet Schatten und im Sommer eine angenehme Kühle. Seit ca. 50 Jahren wird hier nicht mehr beerdigt und es

durften sich zwischen den Grabdenkmälern Wildblumenwiesen ausbreiten. Ein Wegenetz mit Ruhebänken durchzieht beide Teile des Friedhofs, die durch einen schmalen Grünbereich mit Kinderspielplatz getrennt sind.

Flora
Der Friedhof beherbergt einen für den Innenstadtbereich außergewöhn-lichen Baumbestand. Es gibt: Berg-, Feld-, Silber- und Spitzahorn, manche der Bäume sind bereits sehr alt, hoch  und umfangreich, ebenso wie Eschen und Robinien. Außerdem wachsen hier Rotbuchen, Hainbuchen, Hänge- und Moorbirken, Sommer- und Winterlinden, Rosskastanien, Kirsche, Pflaume, Schlehe,  Eibe, Wacholder, schwarzer Holunder, Buchsbaum, wolliger Schneeball, Kornelkirsche, roter Hartriegel, Liguster, Vogelkirsche, Stiel-Eiche, Flieder, Efeu, wilder Wein und anderes mehr. Das Kronendach der Bäume ist fast flächendeckend zusammengewachsen.


Als Relikt, entstanden durch die frühere Flussauenrandlage, die teilweise auch jetzt noch durch den auf der Ostseite in einem Betonkorsett fließenden Westermühlbach („Glockenbach“) nachzuvollziehen ist, findet man hier Feuchtgebietpflanzen und an Grabsteinen und Bäumen, eine für den Innenstadtbereich unvorstellbar hohe Anzahl von Moos- und Flechtenarten. Viele davon sind vom Aussterben bedroht und stehen auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen. Umso enttäuschender ist es, dass bei Grabsanierungen immer wieder viele dieser Moose und Flechten von Denkmalschützern entfernt wurden/werden, obwohl sie, auch aus kunsthistorischer Sicht, den Grabsteinen erst den besonderen Charme des ehrwürdig gealterten geben und sehr mit deren Gestaltung harmonieren.

Auf den Wiesen erscheinen im Frühjahr als erstes Schneeglöckchen und wilde  Krokusse, gefolgt von Scharbockskraut, Blausternchen, Buschwindröschen, Schlüsselblumen  und Bärlauch, der sich inzwischen so ausgebreitet hat, dass es keinen Schaden anrichtet wenn Besucher, wie in den vergangenen Jahren geschehen,  einige Blätter davon als Speisewürze mitnehmen.
Später blüht dann das Wiesenschaumkraut, Brunnenkresse und an einigen Stellen der hohle Lerchensporn, danach verschiedene Hahnenfußgewächse, Knoblauchrauke, Wiesenkerbel, Giersch in großen Bereichen, großes und kleines Springkraut, Rainkohl, Brenn- und Taubnessel, Waldhabichtskraut, Gänseblümchen, Ehrenpreis, Schöllkraut, Purger Lein, Klettenlabkraut, verschiedene Löwenzahn- und Mierenarten, stinkender Storchenschnabel, kleine Braunelle, Nelkenwurz, Hirtentäschel, Rot-, Weiß- und Sauerklee, verschiedene
Veilchenarten,

Gundermann, kriechender Günsel, Vergissmeinnicht, Sauerampfer, Wegerich, Gräser und Seggen, vereinzelt Maiglöckchen, Margeriten und Walderdbeeren, das Frühjahrsgedenkemein und vieles mehr. Falls die Friedhofs-verwaltung die Wiesen erst später im Jahr mähen lässt, so wie wir vom LBV es empfohlen haben, könnten sogar einige Wiesenglockenblumen zur Blüte kommen.

Krokusblüte


Bärlauch

Auf den Gräbern wachsen mancherorts neben der heute üblichen Grab-bepflanzung, noch Pflanzen mit Symbolcharakter und alter Tradition, wie Efeu, Moose und Flechten, Akeleien, verschiedene Farnarten, Immergrün, unterschiedliche Arten von Heckenrosen, Zymbelkraut, und Weiteres.

Fauna
Bäume, dichte Büsche und das Efeu, wo es noch nicht entfernt wurde, bieten hier einer großen Anzahl von Vögeln, auch denen die in den unteren und mittleren Ebenen nisten, einen Brutplatz, was in München nicht mehr sehr häufig vorkommt. Man findet hier: Zaunkönig, Rotkehlchen, Gartenbaumläufer, Zilpzalp, Fitis, Kleiber, den grauen Fliegenschnäpper, Wachholderdrossel, Buchfink, Dompfaff, Grünfink, Mönchsgrasmücke, Kohlmeise, Blaumeise, Schwanzmeise, Sumpfmeise, Amsel, Waldlaubsänger, Buntspecht, Ringeltaube, Haustaube, Türkentaube und in den hohen alten Eschen, Rabenkrähen und manchmal Sperber.

Auch viele Vögel die sich vom Süden auf der Durchreise nach Norden befinden oder wieder zurückziehen, rasten hier für 2-3 Tage. So wurden schon Pirole im Südfriedhof gehört und gesehen. Neben dieser Vogelwelt leben hier Eichhörnchen, Igel, Fledermäuse wie der große Abendsegler und die Zwergfledermaus, die Waldmaus und verschiedene Insektenarten, vermutlich auch, der nur noch hier vorkommende, Südliche Efeukugelkäfer.

 
Schutzstatus

Der alte südliche Friedhof entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem überregional bedeutsamen Biotop und steht als geschützter Landschaftsbestandteil seit 1989 unter Naturschutz. Dies beinhaltet u. a. folgendes:

1. Den für den Bestand und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt notwen-
    digen Lebensraum insbesondere als Brut- und Nahrungsstätte für Vögel zu bewahren,
2. die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten,

3. das Biotop als ökologische Ausgleichsfläche insbesondere zur Verbesserung der
    lufthygienischen Situation im Innenstadtbereich zu erhalten,

zum Schutz der Pflanzen und Tiere ist es deshalb u.a. verboten:
4. die Lebensbereiche (Biotope) der Tiere und Pflanzen zu zerstören und nachteilig zu
    verändern, insbesondere sie durch chemische oder mechanische Maßnahmen zu
    beeinflussen.
5. Pflanzen oder einzelne Teile von ihnen abzuschneiden, abzupflücken, aus- oder
    abzureißen, auszugraben, zu entfernen oder sonst zu beschädigen, ausgenommen
    zur Pflege der Gräber,
6. Wildlebenden Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Eier,
    Larven, Puppen oder sonstige Entwicklungsformen sowie Nist-, Brut-, Wohn- oder
    Zufluchtsstätten wegzunehmen, zu zerstören oder zu beschädigen, insbesondere auch
    durch freilaufende Hunde etc.
 

Geschichte und Besonderheiten
Der alte Südfriedhof entstand schon vor 1563 und wurde als Friedhof für Arme und Pesttote genutzt. Die hohe Mauer, „Pestmauer“, die den Friedhof umgibt und die Lage vor den damaligen Stadttoren, erinnern noch an seine frühere Funktion. Hier hielten sich damals neben den Trauernden auch Händler, Prostituierte, Ziegenherden etc. auf. Wenn ein Mord auf dem Friedhof geschah, was ab und zu vorkam,  musste er wieder neu geweiht werden.
Später, als die Stadt sich vergrößerte, wertete man den Friedhof auf und beerdigte in seinen Gräbern nur noch katholische Bürger. Juden, Ungläubige, Protestanten aber auch Bürger mit

"ungläubigen Berufen“, wie Henker, Prostituierte, Hirten, etc. erhielten hier keine letzte Ruhestätte mehr. Als die freien Plätze auf dem Friedhof weiter knapper wurden, bestattete man hier nur noch bedeutende Persönlichkeiten, welche die Münchner Stadtgeschichte entscheidend geprägt haben, wie u.a. von Klenze, von Pettenkofer, Reichenbach, Fraunhofer, oder den Maler: Carl Spitzweg und viele andere, inzwischen berühmte Persönlichkeiten. Seit 1986 steht der Friedhof mit seinen Gräbern unter Denkmalschutz.

Foto: Grab von Carl Spitzweg

  
Nutzung und Konflikte
Der jeweilige Schutzstatus der Gräber und der hier lebenden Natur enthält manchen Konfliktstoff. Die wegen des Denkmalschutzes genehmigte Inventarisierung und teilweise Restaurierung der Gräber, begründete die Entfernung des Efeus an denkmalgeschützten Gräbern, nahm aber vielen Insekten und Vögeln, besonders dem Zaunkönig, den Lebensraum. Dieser Säuberungsaktion sind
ärgerlicherweise
auch viele der, über Jahrzehnte gewachsenen, wert-vollen Moos- und Flechtenarten zum Opfer gefallen. Durch Witterungs-einflüsse, das Wachstum des Efeus aber besonders durch seine rabiate, unsachgemäß durchgeführte Entfernung,  (der Efeu wurde noch im Saft stehend heruntergerissen), beschädigte man viele Grabsteine so sehr, dass Teile davon zerbrachen oder ganze Denkmäler einsturzgefährdet waren und aufwendig saniert werden mussten.       Foto: der Friedhof als Baustelle (Mai 2005)

 

 
Ausblick

Eine Chance für die Erholung der Pflanzen- und Tierwelt des Friedhofs könnte darin liegen, dass Besucher diese Oase der Ruhe in der Stadt, immer mehr schätzen und schützen lernen. Sie ihren Kindern den Wert dieses Natur- und Denkmalbereichs verdeutlichen und ihnen ein, den Ort respektierendes, Vorbild sind. Außerdem wäre es sehr wichtig, dass bei den Pflegemaßnahmen, die die Friedhofsverwaltung durchführen lässt, jetzt nach der Grabinventarisierung, neben dem Denkmalschutz, wieder vermehrt die hier existierende zu schützende Natur berücksichtigt wird.
In Gesprächen mit der Friedhofsverwaltung unterbreitete der LBV wichtige Erhaltungs- und Pflegevorschläge für die Tier- und Pflanzenwelt des Biotops. Wir hoffen sehr, dass diese angenommen und umgesetzt werden. So könnte die hier heimische Pflanzen- und Tierwelt durch eine nur 2-malige Mahd pro Jahr wieder mehr Wildblüten hervorbringen und Tagfalter anlocken. Stehen gelassene Pflanzen und Gräser den Raupen als Futterpflanze eine Überlebenschance bieten und durch das Liegenlassen des Laubs im Winter Mikroorganismen und Insektenwelt gefördert werden und die damit verbundene natürliche Nahrung der hier lebenden Vögel gewährleistet. Durch den Erhalt des restlichen Efeus an Gräbern und Bäumen, könnten niedrig brütende Vögel den dringend benötigten Lebensraum und Schutz vor Krähen, Eichhörnchen, wildernden Katzen finden.

Die Biotoppatin
Karin Groß-Beck (Text und Fotos)

 
Aktueller Hinweis: Das Ergebnis der Efeu-Entfernung:


März 2004


Februar 2007  (Bilder vergrößern)

 
Trotz der massiven Entfernung des Efeus in den letzten Jahren, bis hin zu diesem Frühjahr, blieb ein Restbestand davon erhalten. Auf der untersten Wurzelebene und an den Bäumen, bis auf wenige Ausnahmen, wurde der Efeu belassen. Hier ist er nun auch in diesem Frühjahr wieder, mit seinen immergrünen Blättern und den jetzt reifen Früchten, vielen Vögeln ein geeigneter Schutz- und Nistplatz. Bei meinem Spaziergang heute hörte ich u.a. die Frühlingsgesänge von Rotkehlchen, Amseln, verschiedenen Meisenarten, Kleibern, Buchfinken, dem ersten Zilpzalp und auch von einem Zaunkönig.

25.März 2007, Karin Groß-Beck